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Tipp: Stephan Hobe – Einführung in das Völkerrecht

20. August 2014

HobeZugegebenermaßen habe ich (bisher) nicht das ganze Werk gelesen. Lediglich die Kapitel über Krieg und Frieden und die Möglichkeiten internationaler Interventionen bzw. Ausnahmen vom Gewaltverbot habe ich mir unter das Kopfkissen gelegt. Doch anhand dieser beiden Kapitel spreche ich meine Empfehlung für Hobes „Einführung in das Völkerrecht“ aus. Sowohl für Politikwissenschaftler als auch für Juristen geschrieben, bedient sich Hobe einer verständlichen Sprache und bereitet die verschiedenen Themenbereiche des Völkerrechts anschaulich auf. So finden sich wichtige Begriffe kursiv gedruckt, Definitionen und Zitate abgesetzt und immer wieder Verweise auf Grundprinzipien und Beispiele aus der Historie. Auch privat eine lesbare und (aus WissensjägerInnen-Sicht) gewinnbringende Lektüre.

Stephan Hobe „Einführung in das Völkerrecht“, 704 S., UTB, 10. Auflage erscheint am 17.09.2014, ca. 30€.

Bei Interesse an einem Artikel über bisher Gelesenes zum Völkerrecht (bescheiden, aber im Wachstum), würde ich mich über eine Rückmeldung freuen!

Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

4. August 2014

 

Dürrenmatt- Der BesuchNach einigen Jahren wieder zur Hand genommen, war „Der Besuch der alten Dame“ auch beim nochmaligen Lesen unterhaltsam und ließ – wohl entgegen der Intention Dürrenmatts – nach einer Übersättigung mit dem derzeitigen Dystopien-Geschäft in Film und Fernsehen, nicht einmal ein leises Unbehagen zurück.

Das kleine Dorf Güllen erwartet, von Arbeitslosigkeit und Armut gebeutelt, hoffnungsvoll die Ankunft der Öl-Milliardärin Claire Zachanassian (ein Wortspiel, die Namen Zacharoff, Onassis, Gulbenkian). Die alte Dame reist mit ihrem siebten Gatten an und verspricht dem Dorf ihrer Jugend tatsächlich eine Spende von einer Milliarde – sofern sich jemand bereit erkläre, ihren damaligen Jugendfreund, den bis dato „beliebtesten Einwohner“ und Bürgermeisteranwärter Ill zu töten. Dieser hatte sechzig Jahre zuvor seine Vaterschaft an ihrem gemeinsamen Kind abgestritten und die hochschwangere Frau mit Schimpf und Schande davon gejagt. Nachdem sie in einem Bordell von einem armenischen Oligarchen entdeckt worden war, ging es bergauf mit ihr, doch verwunden hat sie Ills Betrug nie und fordert nun „Gerechtigkeit“. Die Güllener zeigen sich zuerst empört von dem unmoralischen, gar abscheulichen Angebot und bekennen sich zu Ill, dem Kaufmann aus ihrer Mitte. Doch nach und nach erliegen sie der Versuchung des Geldes, tätigen größere Investitionen, immer in dem Glauben, dass einer von ihnen Ill töten wird. Dessen Furcht wächst.

Eine Tragikomödie mit heiter-traurigen Wortwechseln und nachvollziehbarer Moral, die sich in jedem Dorf abspielen könnte, daher kaum Namen, nur Amtsbezeichnungen. Ein guter Einstieg, wenn man mit dem Lesen von Theaterstücken bisher wenig anfangen konnte, da die Dialoge hier kaum abgehackt und gestelzt sind, sondern sich sehr flüssig lesen lassen. Dazu humorvolle und kluge Regieanweisungen, die den Leser zusätzlich unterhalten.

Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie, Diogenes 1998, 155 S., 7,90€.

 

Barbara Veit: Hannah liebt nicht mehr

20. Juli 2014

In „Hannah liebt nicht mehr“ erzählt Barbara Veit die Geschichte der siebzehnjährigen Hannah, die sich  – von ihrer großen Liebe enttäuscht – in ihrem Zimmer einschließt, nicht isst, nicht spricht. Nach Tagen schreibt sie einen Namen auf einen kleinen Zettel, den sie unter der Tür durchschiebt: „Margrett“, eine Freundin ihrer Mutter und die einzige Person, mit der sie Kontakt aufnehmen möchte.

In dieser Geschichte ist Liebeskummer nur ein Auslöser; der Junge, um den er sich dreht, taucht nur zu Beginn auf und spielt in Hannahs Gedankenwelt allzu bald schon keine Rolle mehr. Ihr Problem ist tief sitzender, komplexer und aus psychologischer Sicht interessant. Die Worte Psychose, Nervenzusammenbruch und schwere Depression fallen, doch Hannahs Krankheitsbild bleibt unbestimmt, vage. Die Autorin schenkt dem Leser nicht die Genugtuung einer eindeutigen Diagnose. So gesellt er sich zu den ebenso ratlosen Eltern, die beste Freundin, die den Zustand Hannahs als unbegreiflich, wie aus dem Nichts kommend empfinden.
Das für Jugendbücher eher typische Toben und Streiten bleibt hier aus. Was geschildert wird, ist der völlige und kompromisslose Rückzug einer jungen Frau, der ihr Leben von einen auf den anderen Tag zu viel wird und die ihre Außenwelt damit hilflos allein lässt. Je länger Hannah sich in ihrem Zimmer vergräbt, dort still sitzt, desto mehr treten die Probleme der Eltern zutage, die jedoch stets nur angerissen werden und dem Buch zusätzliche Tiefe geben. Die Botschaft, die Margrett Hannah dann auch versucht zu überbringen, ist, dass es in jedem Leben Krisen gibt, die von einigen intensiver erlebt werden, als von anderen. Auch im Alter ist man nicht vor ihnen gefeit und muss lernen, mit der Heftigkeit seiner Gefühle umzugehen. Schön für jüngere Leser ist an dieser Stelle, dass die gestandene Margrett Hannah ernst nimmt, ihre Krise als solche begreift. Dabei reflektiert sie ihre eigene Jugend, liest in alten Tagebüchern und erzählt dem Mädchen durch die verschlossene Tür Geschichten aus ihrem Leben.  Anhand ihrer Figur stellt sich dar, wie vielschichtig Menschen sind; wie unmöglich es ist, jemandem sein Durchlittenes, seine gemachten Fehler auch nach Jahren des Kennens anzusehen.

Zu erklären, dass Hannah als Einzelkind von der Liebe ihrer Eltern erdrückt wird, würde zu kurz greifen. Margrett beschreibt es als Hannahs (aber auch ihr eigenes) „Lebensmodell“, das darauf basiert, andere Menschen glücklich oder zumindest zufrieden machen zu wollen und das unweigerlich dazu führt, dass man selbst als Projektionsfläche für die Wünsche anderer fungiert. Hannah hat sich bei diesem Prozess selbst verloren; ihr fehlt die „Verbindung“, wie sie es nennt.
Barbara Veit beschreibt nur einige aufeinanderfolgende Tage. Dabei gelingt es ihr dennoch zu zeigen, wie groß die Irritation von Familie und Freunden ist, wenn ein Mensch mit dem jahrelang geprobten Zusammenleben plötzlich nicht mehr zurecht kommt. Hannahs Zusammenbruch legt bei allen um sie herum alte Wunden offen. Ein wieder aufgestöbertes Jugendbuch, das auch bei älteren Lesern Anklang finden wird.

Barbara Veit, Hannah liebt nicht mehr, Carl Hanser Verlag 2004, 192 S., 14,90€. 

Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag

11. Juli 2014

GenazinoDer Protagonist wandelt durch eine beliebige mittelgroße deutsche Stadt, trifft hin und wieder Bekannte, ehemalige Liebschaften oder Studienkollegen und überlegt dabei, wem er begegnen möchte und wem lieber nicht. Er hadert mit der „Merkwürdigkeit des Lebens“ und der Tatsache, dass er niemals jemandem eine „Genehmigung“ dafür erteilt hat, sein Leben als solches existieren zu lassen. Unter die genaue Betrachtung seiner Umwelt mischen sich die Angst vor dem Verrücktwerden, das Hinwegkommen über das Verlassen werden und die Angst vor dem existenziellen Scheitern. Als Tester für Luxusschuhe scheint er der Verantwortung gedankenverloren davonzulaufen, sein Tun fortwährend reflektierend. Er lernt Frauen kennen, berichtet von den Intermezzi, gibt sich Gefühlen wie Neid, Schuld und Scham hin und schafft es dabei, dem Leser durch seine ungewöhnlichen, manchmal skurril anmutenden Gedanken ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Für jeden, der Lust hat, sich auf Gedankenspiele, ausgefeilte Sprache und eine langsam in Budapestern dahin spazierende Handlung einzulassen, eine unbedingte Leseempfehlung.

Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, Dtv 2003, 176 S., 7,90€.

Arno Schmidt: Sommermeteor

23. Juni 2014

 

Sommermeteor Vor kurzem machte man mir den Kurzgeschichtenband „Sommermeteor“ zum Geschenk. Es war meine erste Begegnung mit Arno Schmidt. Die ersten Erzählungen schreckten durch eine ungewöhnliche Interpunktion und zahlreiche Neologismen ab. Die Begebenheiten, die Schmidt aus seinem Alltag als Schriftsteller im Deutschland der Adenauer-Zeit schildert, sind allesamt unterhaltsam und ich schmunzelte über seine Gedanken zu Frauen, den Röcken der Mädchen oder die Ausführungen zu seiner Schlafcouch. Schmidt jongliert mit Worten, Gedanken- und Gesprächsfetzen wechseln sich ab; die Figuren in seinem Umfeld wirken stets lebendig, manchmal gar liebenswert-schrullig. Die Kurzgeschichten aus „Sommermeteor“ sind vermutlich ein guter Einstieg, wenn man sich nicht gleich an das Monumentalwerk „Zettel’s Traum“ wagen und erstmal einen Eindruck vom Schreiben Schmidts gewinnen möchte. Mich hat sein Stil, wie er sich in den 21Geschichten fand, beeindruckt. Ob ich mich in nächster Zeit an eines seiner größeren Werke wage, wird die Zeit zeigen.

 

Arno Schmidt, Sommermeteor – 21 Kurzgeschichten, Fischer  Taschenbuch Verlag 2006 (9. Auflage), 128 S., 5,95€

 

Hier finden sich einige Kurzzusammenfassungen der wichtigsten Werke und ein Lebensabriss Arno Schmidts.

 

Martin Suter: Der Koch

24. Mai 2014

Suter- Der KochAls der Exil-Tamile und geschickte Koch Maravan seine Anstellung als Küchenhilfe in einem Schweizer Edelrestaurant verliert, entschließt er sich, gemeinsam mit seiner Kollegin Andrea einen Catering-Service der besonderen Art zu gründen: Love Food  – stimulierende Küche für Paare. Zunächst kochen die beiden für Patienten einer befreundeten Sexualtherapeutin, dann auch für die Eskapaden wohlhabender Geschäftsleute. Nebenbei suchen sie selbst ihr Glück. Maravan verliebt sich in eine eigensinnige Landsmännin, Andrea in eine hübsche Prostituierte.

Martin Suter verknüpft in seinem Roman geschickt die Einzelschicksale auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Figuren mit den Ereignissen der Finanzkrise im Jahr 2009. Neben Schweizer (Luxus-)Residenzen ist auch das vom Krieg und den Kämpfen der LTTE betroffene Sri Lanka Schauplatz. Auch im Exil ist der Protagonist Maravan nicht frei von heimatlichen Verpflichtungen. Er arbeitet, um Geld in die Heimat schicken zu können und verfolgt mit Schrecken das Schicksal eines jungen Familienmitgliedes, das sich als Kindersoldat verdingt. Auch muss er seinen moralisch nicht einwandfreien Job als „Sexkoch“ geheim halten, während er auch in der Schweiz von Unterstützern der LTTE bedrängt wird. Am Schicksal Maravans wird deutlich, dass Flüchtlinge im Exil einen Erfahrungsschatz sowohl positiver als auch negativer Erfahrungen haben, der dem in Sicherheit und verhältnismäßig sorglos aufgewachsenen Westeuropäer weitestgehend verborgen bleibt. Maravans Freundin Samira durchlebt den Konflikt der zweiten Generation und wirklich verstehen kann sein Leid nur die Prostituierte Makeba, die einst selbst vor einem Krieg in Äthiopien flüchtete.

Die Beschreibungen der phantasievollen Gerichte, die im Roman zubereitet werden, lassen dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen und stellen das Kochen nicht als Notwendigkeit, sondern als Kunst dar. Die Rezepte im Anhang bieten dem ambitionierten Hobbykoch dann die Möglichkeit, das Gelesene nach zu kochen.

Martin Suter „Der Koch“, Diogenes 2011, 320 S., 10,90€

Lothar Struck: Grindelwald

7. April 2014
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In der Autofiktion „Grindelwald“ widmet sich Lothar Struck, der bisher besonders durch seine Publikationen über den Schriftsteller Peter Handke in Erscheinung getreten ist, seiner eigenen Kindheit. Als erwachsener Mann erfährt der Autor vom bevorstehenden Krebstod seines Vaters und lässt seine Beziehung zu ihm Revue passieren. Schonungs- aber nie respektlos berichtet er dem Leser von der väterlichen Spielsucht, die seine Kindheit prägte, ihn selbst zum Spielen brachte, schließlich aber wieder davon entfernte und die Beziehung seiner Eltern belastete. Für den unerfahrenen Leser eröffnet sich eine neue Welt, in der statt der Tages- die Wettzeitung der Pferderennbahn gelesen wird und man mit dem Gerichtsvollzieher fast schon per Du ist. Mit eigenen Fotos und Briefen bebildert, lernt der Leser den Vater des Autors als einen Mann kennen, über den er auf kurzen Seiten so viel Intimes erfährt, der ihm aber bis zum Schluss doch fremd und rätselhaft bleibt. Als „Autofiktion“ betitelt, findet man sich in „Grindelwald“ in einer berührenden Familiengeschichte des Wirtschaftswunder-Deutschlands wieder, die alles andere als fiktiv wirkt. Eine leider sehr kurze, dafür aber umso persönlichere Erzählung.

Lothar Struck, Grindelwald, Mirabilis 2014, 70 S., 10,90€.

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