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Barbara Veit: Hannah liebt nicht mehr

20. Juli 2014

In „Hannah liebt nicht mehr“ erzählt Barbara Veit die Geschichte der siebzehnjährigen Hannah, die sich  – von ihrer großen Liebe enttäuscht – in ihrem Zimmer einschließt, nicht isst, nicht spricht. Nach Tagen schreibt sie einen Namen auf einen kleinen Zettel, den sie unter der Tür durchschiebt: „Margrett“, eine Freundin ihrer Mutter und die einzige Person, mit der sie Kontakt aufnehmen möchte.

In dieser Geschichte ist Liebeskummer nur ein Auslöser; der Junge, um den er sich dreht, taucht nur zu Beginn auf und spielt in Hannahs Gedankenwelt allzu bald schon keine Rolle mehr. Ihr Problem ist tief sitzender, komplexer und aus psychologischer Sicht interessant. Die Worte Psychose, Nervenzusammenbruch und schwere Depression fallen, doch Hannahs Krankheitsbild bleibt unbestimmt, vage. Die Autorin schenkt dem Leser nicht die Genugtuung einer eindeutigen Diagnose. So gesellt er sich zu den ebenso ratlosen Eltern, die beste Freundin, die den Zustand Hannahs als unbegreiflich, wie aus dem Nichts kommend empfinden.
Das für Jugendbücher eher typische Toben und Streiten bleibt hier aus. Was geschildert wird, ist der völlige und kompromisslose Rückzug einer jungen Frau, der ihr Leben von einen auf den anderen Tag zu viel wird und die ihre Außenwelt damit hilflos allein lässt. Je länger Hannah sich in ihrem Zimmer vergräbt, dort still sitzt, desto mehr treten die Probleme der Eltern zutage, die jedoch stets nur angerissen werden und dem Buch zusätzliche Tiefe geben. Die Botschaft, die Margrett Hannah dann auch versucht zu überbringen, ist, dass es in jedem Leben Krisen gibt, die von einigen intensiver erlebt werden, als von anderen. Auch im Alter ist man nicht vor ihnen gefeit und muss lernen, mit der Heftigkeit seiner Gefühle umzugehen. Schön für jüngere Leser ist an dieser Stelle, dass die gestandene Margrett Hannah ernst nimmt, ihre Krise als solche begreift. Dabei reflektiert sie ihre eigene Jugend, liest in alten Tagebüchern und erzählt dem Mädchen durch die verschlossene Tür Geschichten aus ihrem Leben.  Anhand ihrer Figur stellt sich dar, wie vielschichtig Menschen sind; wie unmöglich es ist, jemandem sein Durchlittenes, seine gemachten Fehler auch nach Jahren des Kennens anzusehen.

Zu erklären, dass Hannah als Einzelkind von der Liebe ihrer Eltern erdrückt wird, würde zu kurz greifen. Margrett beschreibt es als Hannahs (aber auch ihr eigenes) „Lebensmodell“, das darauf basiert, andere Menschen glücklich oder zumindest zufrieden machen zu wollen und das unweigerlich dazu führt, dass man selbst als Projektionsfläche für die Wünsche anderer fungiert. Hannah hat sich bei diesem Prozess selbst verloren; ihr fehlt die „Verbindung“, wie sie es nennt.
Barbara Veit beschreibt nur einige aufeinanderfolgende Tage. Dabei gelingt es ihr dennoch zu zeigen, wie groß die Irritation von Familie und Freunden ist, wenn ein Mensch mit dem jahrelang geprobten Zusammenleben plötzlich nicht mehr zurecht kommt. Hannahs Zusammenbruch legt bei allen um sie herum alte Wunden offen. Ein wieder aufgestöbertes Jugendbuch, das auch bei älteren Lesern Anklang finden wird.

Barbara Veit, Hannah liebt nicht mehr, Carl Hanser Verlag 2004, 192 S., 14,90€. 

Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag

11. Juli 2014

GenazinoDer Protagonist wandelt durch eine beliebige mittelgroße deutsche Stadt, trifft hin und wieder Bekannte, ehemalige Liebschaften oder Studienkollegen und überlegt dabei, wem er begegnen möchte und wem lieber nicht. Er hadert mit der „Merkwürdigkeit des Lebens“ und der Tatsache, dass er niemals jemandem eine „Genehmigung“ dafür erteilt hat, sein Leben als solches existieren zu lassen. Unter die genaue Betrachtung seiner Umwelt mischen sich die Angst vor dem Verrücktwerden, das Hinwegkommen über das Verlassen werden und die Angst vor dem existenziellen Scheitern. Als Tester für Luxusschuhe scheint er der Verantwortung gedankenverloren davonzulaufen, sein Tun fortwährend reflektierend. Er lernt Frauen kennen, berichtet von den Intermezzi, gibt sich Gefühlen wie Neid, Schuld und Scham hin und schafft es dabei, dem Leser durch seine ungewöhnlichen, manchmal skurril anmutenden Gedanken ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Für jeden, der Lust hat, sich auf Gedankenspiele, ausgefeilte Sprache und eine langsam in Budapestern dahin spazierende Handlung einzulassen, eine unbedingte Leseempfehlung.

Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, Dtv 2003, 176 S., 7,90€.

Arno Schmidt: Sommermeteor

23. Juni 2014

 

Sommermeteor Vor kurzem machte man mir den Kurzgeschichtenband „Sommermeteor“ zum Geschenk. Es war meine erste Begegnung mit Arno Schmidt. Die ersten Erzählungen schreckten durch eine ungewöhnliche Interpunktion und zahlreiche Neologismen ab. Die Begebenheiten, die Schmidt aus seinem Alltag als Schriftsteller im Deutschland der Adenauer-Zeit schildert, sind allesamt unterhaltsam und ich schmunzelte über seine Gedanken zu Frauen, den Röcken der Mädchen oder die Ausführungen zu seiner Schlafcouch. Schmidt jongliert mit Worten, Gedanken- und Gesprächsfetzen wechseln sich ab; die Figuren in seinem Umfeld wirken stets lebendig, manchmal gar liebenswert-schrullig. Die Kurzgeschichten aus „Sommermeteor“ sind vermutlich ein guter Einstieg, wenn man sich nicht gleich an das Monumentalwerk „Zettel’s Traum“ wagen und erstmal einen Eindruck vom Schreiben Schmidts gewinnen möchte. Mich hat sein Stil, wie er sich in den 21Geschichten fand, beeindruckt. Ob ich mich in nächster Zeit an eines seiner größeren Werke wage, wird die Zeit zeigen.

 

Arno Schmidt, Sommermeteor – 21 Kurzgeschichten, Fischer  Taschenbuch Verlag 2006 (9. Auflage), 128 S., 5,95€

 

Hier finden sich einige Kurzzusammenfassungen der wichtigsten Werke und ein Lebensabriss Arno Schmidts.

 

Martin Suter: Der Koch

24. Mai 2014

Suter- Der KochAls der Exil-Tamile und geschickte Koch Maravan seine Anstellung als Küchenhilfe in einem Schweizer Edelrestaurant verliert, entschließt er sich, gemeinsam mit seiner Kollegin Andrea einen Catering-Service der besonderen Art zu gründen: Love Food  – stimulierende Küche für Paare. Zunächst kochen die beiden für Patienten einer befreundeten Sexualtherapeutin, dann auch für die Eskapaden wohlhabender Geschäftsleute. Nebenbei suchen sie selbst ihr Glück. Maravan verliebt sich in eine eigensinnige Landsmännin, Andrea in eine hübsche Prostituierte.

Martin Suter verknüpft in seinem Roman geschickt die Einzelschicksale auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Figuren mit den Ereignissen der Finanzkrise im Jahr 2009. Neben Schweizer (Luxus-)Residenzen ist auch das vom Krieg und den Kämpfen der LTTE betroffene Sri Lanka Schauplatz. Auch im Exil ist der Protagonist Maravan nicht frei von heimatlichen Verpflichtungen. Er arbeitet, um Geld in die Heimat schicken zu können und verfolgt mit Schrecken das Schicksal eines jungen Familienmitgliedes, das sich als Kindersoldat verdingt. Auch muss er seinen moralisch nicht einwandfreien Job als „Sexkoch“ geheim halten, während er auch in der Schweiz von Unterstützern der LTTE bedrängt wird. Am Schicksal Maravans wird deutlich, dass Flüchtlinge im Exil einen Erfahrungsschatz sowohl positiver als auch negativer Erfahrungen haben, der dem in Sicherheit und verhältnismäßig sorglos aufgewachsenen Westeuropäer weitestgehend verborgen bleibt. Maravans Freundin Samira durchlebt den Konflikt der zweiten Generation und wirklich verstehen kann sein Leid nur die Prostituierte Makeba, die einst selbst vor einem Krieg in Äthiopien flüchtete.

Die Beschreibungen der phantasievollen Gerichte, die im Roman zubereitet werden, lassen dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen und stellen das Kochen nicht als Notwendigkeit, sondern als Kunst dar. Die Rezepte im Anhang bieten dem ambitionierten Hobbykoch dann die Möglichkeit, das Gelesene nach zu kochen.

Martin Suter „Der Koch“, Diogenes 2011, 320 S., 10,90€

Lothar Struck: Grindelwald

7. April 2014
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In der Autofiktion „Grindelwald“ widmet sich Lothar Struck, der bisher besonders durch seine Publikationen über den Schriftsteller Peter Handke in Erscheinung getreten ist, seiner eigenen Kindheit. Als erwachsener Mann erfährt der Autor vom bevorstehenden Krebstod seines Vaters und lässt seine Beziehung zu ihm Revue passieren. Schonungs- aber nie respektlos berichtet er dem Leser von der väterlichen Spielsucht, die seine Kindheit prägte, ihn selbst zum Spielen brachte, schließlich aber wieder davon entfernte und die Beziehung seiner Eltern belastete. Für den unerfahrenen Leser eröffnet sich eine neue Welt, in der statt der Tages- die Wettzeitung der Pferderennbahn gelesen wird und man mit dem Gerichtsvollzieher fast schon per Du ist. Mit eigenen Fotos und Briefen bebildert, lernt der Leser den Vater des Autors als einen Mann kennen, über den er auf kurzen Seiten so viel Intimes erfährt, der ihm aber bis zum Schluss doch fremd und rätselhaft bleibt. Als „Autofiktion“ betitelt, findet man sich in „Grindelwald“ in einer berührenden Familiengeschichte des Wirtschaftswunder-Deutschlands wieder, die alles andere als fiktiv wirkt. Eine leider sehr kurze, dafür aber umso persönlichere Erzählung.

Lothar Struck, Grindelwald, Mirabilis 2014, 70 S., 10,90€.

Violette Leduc: Die Bastardin

1. April 2014

Bastardin„Die Bastardin“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als uneheliche Tochter eines Sohnes aus gutem Hause und einer Magd bei Mutter und Großmutter aufwächst. Von wiederkehrenden Krankheiten gezeichnet, besucht sie nur unregelmäßig die Schule und verlässt schließlich, als ihre Mutter heiratet und ihren Bruder zur Welt bringt, das Haus ihrer Kindheit. Ihr Weg führt sie vom Land ins Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit. Ihre Mädchenjahre hindurch unterhält sie Liebschaften mit Internatsgenossinnen und kann sich, den Verlockungen Paris‘ vollständig erlegen, nicht entscheiden zwischen ihrer Freundin, einem interessanten Mann und schließlich ihrem homosexuellen Gönner, den sie innig verehrt.

Durch „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ bin ich auf das bereits 1964 erschienene autobiografische Werk Violette Leducs (1904-1972) aufmerksam geworden. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir versehen, erwartet den Leser Großes.  Schon während der ersten Seiten lässt sich erahnen, warum de Beauvoirs Vorwort so verklausuliert, so umfassend geworden ist. Die Autorin Leduc schildert ihre Jugend grob chronologisch, verweist dabei aber immer wieder auf ihre früheren – ebenfalls autobiografischen ­­– Werke, was das Lesen ohne Vorkenntnis beträchtlich erschwert. Hinzu kommt, dass ihre Sprache sehr umschreibend ist, Wesentlichkeiten werden in Halbsätzen versteckt, sodass sich ihre Wichtigkeit nicht immer gleich erschließt. Wenn dann hunderte Seiten später auf eben jene Ereignisse Bezug genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass jene Schilderung wohl bedeutsam für Leducs weiteres Leben gewesen sein muss.

Das Innenleben der Protagonistin ist gelinde gesagt schwierig. Starke Gefühlsschwankungen, die sich ausdrücken in Beschreibungen wie „die Wimpern der Rinder deprimierten mich“, sind für den geneigten Leser interessant. Das Mitfühlen jedoch würde einen Kraftakt bedeuten, den man nicht jedem Leser zumuten will. Trotz etlicher Längen, trotz dem starken Wunsch, die Autorin möchte doch jetzt einmal Klartext schreiben, fasziniert das Leben der Violette Leduc ungemein. Mit traumwandlerischer Sicherheit umgibt sie sich mit Personen, die mindestens genauso labil und wankelmütig erscheinen wie sie selbst. Sie wirft sich ihnen zu Füßen, bettelt, erniedrigt sich und andere, beleidigt, liebt. Die geschilderte Gefühlspalette dieser Erzählung geht über das hinaus, was Autoren heutzutage einem Leser zumuten würden. Als Leser bringt man nicht immer Wohlwollen, selten Mitleid für die Protagonistin auf. Manchmal sympathisiert man mit den anderen Figuren. Violettes Freundin Hermine zum Beispiel, der, so scheint es am Ende, Violette einfach zu anstrengend, zu kompliziert geworden ist mit ihrer Anhänglichkeit, ihrer Wut und ihren suizidalen Tendenzen, die sie letztendlich stets als Erpressung benutzt. Neben all den Figuren, unter denen sich auch viele Personen der Zeitgeschichte wiederfinden, die die Autorin kennengelernt hat, spielt Paris die Rolle einer eigenen, bedeutsamen Figur. Es wandelt sich mit Violette, wird mal als traumhaft schön beschrieben, dann wieder als Stadt, die die Protagonistin schnell hinter sich lassen möchte. Es schwankt zwischen Exzess und Biederkeit, Überfluss und bitterer Armut.  Es kommt der Verschwendungssucht der Protagonistin entgegen oder zeigt ihr in aller Deutlichkeit, was sie nicht haben kann. Frankreichfreunde werden besonders die vielen genannten Orte, die bekannten Cafés und Straßen, Quartiers, Designer und nicht zuletzt die damaligen Berühmtheiten der Literaturszene begeistern.

„Die Bastardin“ ist beileibe kein Buch für zwischendurch. Manchmal wird man es zur Seite legen, um über die Protagonisten-Autorin seinen Kopf zu schütteln. Man wird erschreckt sein, wie Menschen sich gegenseitig ins Unglück stürzen können, obwohl es ihnen objektiv so gut gehen könnte. Man wird Leduc dafür bewundern, zu jener Zeit so offen ihre lesbische Sexualität beschrieben zu haben. Zum Schluss wird man sich dann vielleicht mit Violette Leduc versöhnen, weil man ihr zumindest eines nicht absprechen kann: eine interessante Frau zu sein.

Violette Leduc, Die Bastardin (OT: La Bâtarde), Rowohlt 1978, 411 S.

Barbara Miklaw (Hrsg.): Der Zeitstrudel…

14. Februar 2014

… und andere Geschichten, erzählt von Kindern.
Die originelle Anthologie „Der Zeitstrudel“ vereint 16 von Kindern geschriebene Geschichten. Die Autorinnen und Autoren im Alter von acht bis zwölf Jahren gewähren Einblicke mal in ihr eigenes Leben, mal in bunte Fantasiewelten. Von Gedichten, über hungrige Krokodile, Seehunde und Katzen bis zu einem mysteriösen Feuerpferd und der unheimlichen Geschichte eines Vampirschülers findet sich alles – vom fast klassischen Märchen bis zur goldigen Kindergeschichte. Ernstere Themen wie der Verlust – und die Rückkehr – der Eltern werden von den jungen Autoren genauso aufgegriffen wie Einbrüche und schlagkräftige Omas, Schatzsuchen und Erklärungen für die Fragen des Alltags. So findet sich zuletzt doch noch eine Erklärung dafür, wo der erste Apfelsaft wirklich herkam.
Interessant ist, wie der kulturelle Hintergrund der Kinder aus Deutschland, Japan, den USA und Österreich durchscheint und wie sie ihre Umwelt und die Erwachsenen, die sie umgeben, wahrnehmen. Die Geschichten sind federleicht geschrieben, beinhalten Zeitsprünge und Verkürzungen, Wechsel zwischen Fantasie und realer Erzählung. Der Verlag hat diese Passagen, die von professionellen Kinderbuchautoren sicher gefüllt und ausgemalt worden wären, beibehalten. Dadurch sind die Geschichten authentisch geblieben und bringen auch den erwachsenen Leser zum Schmunzeln.
Die Erzählungen sind mit eigenen Illustrationen versehen, eingebettete QR-Codes führen zu selbstgeschriebenen Liedern einer der kleinen Autoren. Zwischen den Geschichten finden sich freie Seiten, die Platz für eigene Bilder bieten. So wird die Anthologie dreidimensional und regt Leser im empfohlenen Alter von fünf bis zehn Jahren zu eigenen, fantasievollen Ausflügen an.

Barbara Miklaw (Hrsg.), Der Zeitstrudel… und andere Geschichten, erzählt von Kindern, Mirabilis 2013, 61 S., 14,80€.

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