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Lothar Struck: Grindelwald

7. April 2014
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In der Autofiktion „Grindelwald“ widmet sich Lothar Struck, der bisher besonders durch seine Publikationen über den Schriftsteller Peter Handke in Erscheinung getreten ist, seiner eigenen Kindheit. Als erwachsener Mann erfährt der Autor vom bevorstehenden Krebstod seines Vaters und lässt seine Beziehung zu ihm Revue passieren. Schonungs- aber nie respektlos berichtet er dem Leser von der väterlichen Spielsucht, die seine Kindheit prägte, ihn selbst zum Spielen brachte, schließlich aber wieder davon entfernte und die Beziehung seiner Eltern belastete. Für den unerfahrenen Leser eröffnet sich eine neue Welt, in der statt der Tages- die Wettzeitung der Pferderennbahn gelesen wird und man mit dem Gerichtsvollzieher fast schon per Du ist. Mit eigenen Fotos und Briefen bebildert, lernt der Leser den Vater des Autors als einen Mann kennen, über den er auf kurzen Seiten so viel Intimes erfährt, der ihm aber bis zum Schluss doch fremd und rätselhaft bleibt. Als „Autofiktion“ betitelt, findet man sich in „Grindelwald“ in einer berührenden Familiengeschichte des Wirtschaftswunder-Deutschlands wieder, die alles andere als fiktiv wirkt. Eine leider sehr kurze, dafür aber umso persönlichere Erzählung.

Lothar Struck, Grindelwald, Mirabilis 2014, 70 S., 10,90€.

Violette Leduc: Die Bastardin

1. April 2014

Bastardin„Die Bastardin“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als uneheliche Tochter eines Sohnes aus gutem Hause und einer Magd bei Mutter und Großmutter aufwächst. Von wiederkehrenden Krankheiten gezeichnet, besucht sie nur unregelmäßig die Schule und verlässt schließlich, als ihre Mutter heiratet und ihren Bruder zur Welt bringt, das Haus ihrer Kindheit. Ihr Weg führt sie vom Land ins Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit. Ihre Mädchenjahre hindurch unterhält sie Liebschaften mit Internatsgenossinnen und kann sich, den Verlockungen Paris‘ vollständig erlegen, nicht entscheiden zwischen ihrer Freundin, einem interessanten Mann und schließlich ihrem homosexuellen Gönner, den sie innig verehrt.

Durch „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ bin ich auf das bereits 1964 erschienene autobiografische Werk Violette Leducs (1904-1972) aufmerksam geworden. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir versehen, erwartet den Leser Großes.  Schon während der ersten Seiten lässt sich erahnen, warum de Beauvoirs Vorwort so verklausuliert, so umfassend geworden ist. Die Autorin Leduc schildert ihre Jugend grob chronologisch, verweist dabei aber immer wieder auf ihre früheren – ebenfalls autobiografischen ­­– Werke, was das Lesen ohne Vorkenntnis beträchtlich erschwert. Hinzu kommt, dass ihre Sprache sehr umschreibend ist, Wesentlichkeiten werden in Halbsätzen versteckt, sodass sich ihre Wichtigkeit nicht immer gleich erschließt. Wenn dann hunderte Seiten später auf eben jene Ereignisse Bezug genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass jene Schilderung wohl bedeutsam für Leducs weiteres Leben gewesen sein muss.

Das Innenleben der Protagonistin ist gelinde gesagt schwierig. Starke Gefühlsschwankungen, die sich ausdrücken in Beschreibungen wie „die Wimpern der Rinder deprimierten mich“, sind für den geneigten Leser interessant. Das Mitfühlen jedoch würde einen Kraftakt bedeuten, den man nicht jedem Leser zumuten will. Trotz etlicher Längen, trotz dem starken Wunsch, die Autorin möchte doch jetzt einmal Klartext schreiben, fasziniert das Leben der Violette Leduc ungemein. Mit traumwandlerischer Sicherheit umgibt sie sich mit Personen, die mindestens genauso labil und wankelmütig erscheinen wie sie selbst. Sie wirft sich ihnen zu Füßen, bettelt, erniedrigt sich und andere, beleidigt, liebt. Die geschilderte Gefühlspalette dieser Erzählung geht über das hinaus, was Autoren heutzutage einem Leser zumuten würden. Als Leser bringt man nicht immer Wohlwollen, selten Mitleid für die Protagonistin auf. Manchmal sympathisiert man mit den anderen Figuren. Violettes Freundin Hermine zum Beispiel, der, so scheint es am Ende, Violette einfach zu anstrengend, zu kompliziert geworden ist mit ihrer Anhänglichkeit, ihrer Wut und ihren suizidalen Tendenzen, die sie letztendlich stets als Erpressung benutzt. Neben all den Figuren, unter denen sich auch viele Personen der Zeitgeschichte wiederfinden, die die Autorin kennengelernt hat, spielt Paris die Rolle einer eigenen, bedeutsamen Figur. Es wandelt sich mit Violette, wird mal als traumhaft schön beschrieben, dann wieder als Stadt, die die Protagonistin schnell hinter sich lassen möchte. Es schwankt zwischen Exzess und Biederkeit, Überfluss und bitterer Armut.  Es kommt der Verschwendungssucht der Protagonistin entgegen oder zeigt ihr in aller Deutlichkeit, was sie nicht haben kann. Frankreichfreunde werden besonders die vielen genannten Orte, die bekannten Cafés und Straßen, Quartiers, Designer und nicht zuletzt die damaligen Berühmtheiten der Literaturszene begeistern.

„Die Bastardin“ ist beileibe kein Buch für zwischendurch. Manchmal wird man es zur Seite legen, um über die Protagonisten-Autorin seinen Kopf zu schütteln. Man wird erschreckt sein, wie Menschen sich gegenseitig ins Unglück stürzen können, obwohl es ihnen objektiv so gut gehen könnte. Man wird Leduc dafür bewundern, zu jener Zeit so offen ihre lesbische Sexualität beschrieben zu haben. Zum Schluss wird man sich dann vielleicht mit Violette Leduc versöhnen, weil man ihr zumindest eines nicht absprechen kann: eine interessante Frau zu sein.

Violette Leduc, Die Bastardin (OT: La Bâtarde), Rowohlt 1978, 411 S.

Barbara Miklaw (Hrsg.): Der Zeitstrudel…

14. Februar 2014

… und andere Geschichten, erzählt von Kindern.
Die originelle Anthologie „Der Zeitstrudel“ vereint 16 von Kindern geschriebene Geschichten. Die Autorinnen und Autoren im Alter von acht bis zwölf Jahren gewähren Einblicke mal in ihr eigenes Leben, mal in bunte Fantasiewelten. Von Gedichten, über hungrige Krokodile, Seehunde und Katzen bis zu einem mysteriösen Feuerpferd und der unheimlichen Geschichte eines Vampirschülers findet sich alles – vom fast klassischen Märchen bis zur goldigen Kindergeschichte. Ernstere Themen wie der Verlust – und die Rückkehr – der Eltern werden von den jungen Autoren genauso aufgegriffen wie Einbrüche und schlagkräftige Omas, Schatzsuchen und Erklärungen für die Fragen des Alltags. So findet sich zuletzt doch noch eine Erklärung dafür, wo der erste Apfelsaft wirklich herkam.
Interessant ist, wie der kulturelle Hintergrund der Kinder aus Deutschland, Japan, den USA und Österreich durchscheint und wie sie ihre Umwelt und die Erwachsenen, die sie umgeben, wahrnehmen. Die Geschichten sind federleicht geschrieben, beinhalten Zeitsprünge und Verkürzungen, Wechsel zwischen Fantasie und realer Erzählung. Der Verlag hat diese Passagen, die von professionellen Kinderbuchautoren sicher gefüllt und ausgemalt worden wären, beibehalten. Dadurch sind die Geschichten authentisch geblieben und bringen auch den erwachsenen Leser zum Schmunzeln.
Die Erzählungen sind mit eigenen Illustrationen versehen, eingebettete QR-Codes führen zu selbstgeschriebenen Liedern einer der kleinen Autoren. Zwischen den Geschichten finden sich freie Seiten, die Platz für eigene Bilder bieten. So wird die Anthologie dreidimensional und regt Leser im empfohlenen Alter von fünf bis zehn Jahren zu eigenen, fantasievollen Ausflügen an.

Barbara Miklaw (Hrsg.), Der Zeitstrudel… und andere Geschichten, erzählt von Kindern, Mirabilis 2013, 61 S., 14,80€.

Petra Bock: Mindfuck

7. Februar 2014

MINDFUCKWarum wir uns selbst sabotieren und was wir dagegen tun können. In dem Coaching-Buch „Mindfuck“ lässt der Berliner Coach Petra Bock den Leser an ihrem Berufsalltag teilhaben. Sie hat über Jahre der Betreuung ihrer Klienten sieben Arten der mentalen Selbstsabotage entdeckt, mit denen sich jeder Mensch tagtäglich herumschlägt. Dabei betont sie ausdrücklich, dass dies ihrer Meinung nach allen gesunden Menschen, völlig unabhängig von ihrem beruflichen Erfolg geschehe. Sie identifiziert und benennt die sieben Denkmuster, die sie „Mindfuck“ nennt. So beschreibt sie den „Katastrophen-Mindfuck“, das Denkmuster, immer das schlimmste anzunehmen, und den „Selbstverleugnungs-Mindfuck“, der die Bedürfnisse anderer über die eignen stellt. Bock identifiziert den „Bewertungs-Mindfuck“, weitestgehend deckungsgleich mit Perfektionismus und den „Druckmacher“, die Eigenschaft, sich immer weiter anzutreiben und das Bedürfnis nach Ruhe zu ignorieren. Der „Regel-Mindfuck“ bezeichnet im Sprachgebrauch der Autorin das Denkmuster, sich an alte, überkommene Regeln zu halten und in ihnen Sicherheit zu suchen. Der „Misstrauens-Mindfuck“ bezeichnet bei ihr das Verhalten, sich selbst und allen anderen chronisch zu misstrauen und der „Übermotivations-Mindfuck“ den Zwang, alles Negative von sich zu schieben und auf der Jagd nach positivem Input zu sein.

Bock stellt die These auf, dass die von ihr identifizierten Denkmuster aus der Zeit unserer Großeltern und Urgroßeltern stammen, als gesellschaftliche Hierarchien viel stärker ausgeprägt waren und Obrigkeitshörigkeit eine Strategie war, um ein möglichst ruhiges Leben zu führen. Sie zeigt in Ansätzen Wege auf, mit diesem überholten Denken zu brechen, da es der heutigen Zeit nicht mehr angemessen sei und uns daran hindere, eigene Ziele zu erreichen.

Die Bezeichnungen der von Petra Bock dargestellten Denkmuster und der daraus resultierenden Verhaltensweisen als „Mindfucks“ ist neu, eingängig und klingt cool. Tatsächlich ist es interessant, sich verschiedene Denkmuster einmal vor Augen zu führen und zu prüfen, welche man aus eigener Erfahrung kennt. Wer aber wissenschaftliche fundierte Analysen erwartet, oder gar konkrete Belege für den historischen Ursprung dieser Denkmuster, ist mit Bocks Buch falsch beraten. Es finden sich vielmehr nette, im Plauderton gehaltene Erzählungen von Klienten und ziemlich viele Wiederholungen, die – und hier kommt es vermutlich auf den Leser an – entweder eindringlich wirken, doch endlich was an seinem Leben zu ändern, oder einfach nur ermüden. Besonders störend ist die Entscheidung des Verlags, das Wort „MINDFUCK“ (mittlerweile eingetragene Marke) konsequent in Großbuchstaben zu drucken. Zusammen mit dem Internetauftritt und dem Nachfolgeband, der konkrete Strategie aufzeigen soll, die alten Denkmuster loszuwerden, gerät das Buch in den Verdacht, Teil einer groß angelegten Werbekampagne für das eigene Coaching zu sein.

Petra Bock, Mindfuck. Warum wir uns selbst sabotieren und was wir dagegen tun können, Droemer HC 2011, 256 S., 19,99€.

Marilyn Yalom: Wie die Franzosen die Liebe erfanden

19. Januar 2014

YalomIn ihrem neuen Werk „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ nimmt uns die Historikerin Marilyn Yalom mit auf einen Streifzug durch die französische Literaturgeschichte. Angefangen beim Minnesang erzählt sie von Abaelard und Heloise, dem französischen Pendant zu Romeo und Julia, ritterlichen Liebesschwüren, über die komische Liebe wie sie sich bei Molière findet. Von hemmungslosen Verführern über romantische Schriftstellerinnen, Liebe am Königshof und zu Zeiten der Französischen Revolution bis zur existenzialistischen Liebe Sartres und de Beauvoirs, werden hetero- und homosexuelle Gefühlswelten beleuchtet. Versehen mit Zitaten aus bekannten und weniger bekannten Werken gelangt sie so bis ins 21. Jahrhundert und zeichnet den Weg und Wandel der Liebe über die letzten neunhundert Jahre hinweg nach.

Marilyn Yalom liefert mit „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ einen unterhaltsamen, kurzweiligen, aber auch lehrreichen Gang durch die großen Werke der französischen Literatur und kommt an kaum einem der berühmten Schriftsteller (und Schriftstellerinnen) vorbei, denn über das universelle Thema Liebe, das zu allen Zeiten in all seinen Spielarten immer wieder die wichtigste Rolle in der Literatur einnimmt, hat sich fast jeder von ihnen geäußert. Yalom schreibt über die persönlichen Hintergründe historischer Figuren, das abenteuerliche Leben vieler Könige und ihrer Mätressen, aber ebenso über Frauen, die sich ihren Liebschaften mit so großer Leidenschaft widmeten, dass sie gerade dafür, für ihre anrührenden Briefe und Tagebücher, in Erinnerung geblieben sind. Das alles gespickt mit Zitaten aus den jeweiligen Werken, mit einleitenden Bildern zu jedem der sechszehn Kapitel und eigenen, teilweise Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen, macht Yaloms Werk unterhaltsam, nie langatmig und zu einem Ausflug in die Welt der französischen Literatur. Die detailierten Anmerkungen im Anhang machen Lust darauf, sich mit der französischen Literatur zu beschäftigen. Lediglich im letzten Kapitel entsteht der Eindruck, als erschiene es ihr nicht mehr lohnenswert, sich mit der französischen Literatur der Jetztzeit zu beschäftigen, denn hier beginnt ein wahrer Galopp durch den französischen Film der letzten Jahrzehnte; Namen wie Godard und Truffaut werden hingeworfen, als gelte es, nach so viel Buch auch noch schnell noch etwas Film mitzunehmen.

Yalom ist Feministin, das kommt an einigen Stellen – nicht zuletzt, weil sie es selbst betont – durch und sorgt, entgegen meiner anfänglichen Erwartung, dafür, dass neben den vielen bekannten männlichen Schriftstellern auch viele schreibende Damen ihren Platz in der Geschichte erhalten. Yalom geht dabei immer wieder auf die Rolle der Frau im Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen ein und erläutert ihre Liebschaften so anschaulich, dass der Leser denkt, er sei dabei gewesen und sich an manch einer Stelle wundert, wer da mit wem zusammen war – handelt es sich doch fast durchweg um bekannte Namen. Geradezu aktuell wird Yaloms Werk zum jetzigen Zeitpunkt, zu dem die Presse Interesse am Liebesleben des französischen Präsidenten  Hollande findet, denn die Autorin geht in ihrem Werk darauf ein, wie (außereheliche) Liebschaften in Frankreich Teil der Kultur und auch bei großen Staatsmännern nie eine Seltenheit gewesen seien.
Yalom macht keinen Hehl aus ihren literarischen Lieblingen, betreibt dabei aber zu keinem Zeitpunkt Namedropping, sondern weiß zu jedem Literaten, zu jedem Werk eine Anekdote zu erzählen. Dieser Plauderton ist es, der „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ zu einem gelungenen Spaziergang durch die französische Literatur macht.

Marilyn Yalom, Wie die Franzosen die Liebe erfanden. Neunhundert Jahre Leidenschaft (OT: How the French Invented Love), Ullstein 2013, 443 S., 22,99€ 

Elizabeth Haynes: Wohin du auch fliehst

16. Dezember 2013
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HaynesCathy, Anfang 20, genießt ihr Leben in vollen Zügen. Nach der Arbeit geht sie mit Freundinnen aus, tanzt und trinkt und nimmt ein ums andere Mal einen Mann mit nach Hause, den sie gerade erst kennen gelernt hat. Als sie dann den gutaussehenden und charmanten Lee trifft, der sie auf Händen zu tragen scheint, sind ihre Freunde begeistert- endlich die große Liebe. Als Cathy sich jedoch zunehmend eingeengt und bedroht fühlt, halten sie alle für undankbar oder schlicht verrückt. Ganz auf sich allein gestellt muss Cathy versuchen, sich ihrem Freund zu entziehen- doch der hat vorgesorgt…

Wohin du auch fliehst scheint zunächst zwei völlig verschiedene Frauen zu beschreiben: Die unbeschwerte und gedankenlose Cathy wird ihrem nur drei Jahre älteren Ich gegenübergestellt, das, von Zwangsstörungen und Panikattacken geplagt, versucht, seinen Alltag zu bewältigen. Nach und nach wird durch Rückblenden erzählt, wie Cathy Lee kennenlernt und er sich zunehmend als gewalttätiger Psychopath entpuppt, der nicht nur jeden ihrer Schritte kontrolliert, sondern ihr auch jede Möglichkeit zur Flucht nimmt. Viel besser noch als die Hilflosigkeit der jungen Cathy sind die Nachwirkungen der Beziehung auf ihr älteres Ich geschildert. Ihre Zwangsstörungen und Kontrollzwänge fressen ihren Alltag auf, wobei der Leser jedoch nach und nach erfährt, dass die Frau allen Grund hat, ihr Wohnungsschloss mehrmals zu kontrollieren. Schließlich gelingt es der Autorin Haynes, die als Fallanalytikerin bei der Polizei arbeitet, die beiden Erzählstränge geschickt zusammen zu führen. Ihr Debut wird damit zu einem packenden und realistischen Thriller.

Elizabeth Haynes „Wohin du auch fliehst“ (OT: Into the Darkest Corner), Diana TB 2013, 478S., 8,49€ 

Mark Dunn: Nollops Vermächtnis

11. November 2013

In Mark Dunns Roman „Nollops Vermächtnis“ hat sich südlich der USA ein Inselstaat etabliert, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die englische Sprache zu pflegen. So findet sich als überragendes Denkmal der Unabhängigkeit ein Pangramm, ein Satz, der alle Buchstaben des Alphabets enthält, das der Genialität des verehrten Staatsgründers Nollop entsprungen ist. Als sich nach über hundert Jahren eine der Kacheln – das Z – löst, beschließt der Rat, der den Inselstaat leitet, dass es sich um ein Zeichen Nollops handeln müsse, und verbietet fortan den Gebrauch des Buchstabens in Wort und Schrift bei Todesstrafe. Wie schon der Verzicht auf einen einzigen Buchstaben die Inselbewohner einschränkt, wird in Form von Briefen zweier Familien erzählt. Als sich nach und nach weitere Buchstaben zu lösen beginnen, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

So aberwitzig der Hintergrund von Dunns Roman beim ersten Lesen auch klingen mag, er zeigt am ureigensten Kommunikationsmittel von Gesellschaften – der Sprache – wie fatal sich die irrige Meinung einiger weniger Herrschender auf ihre Untertanen auswirken kann. Zu Beginn erscheint das Inselvolk gerade Buchliebhabern sympathisch: Der Inselrat hat beschlossen, auf entbehrliche technische Neuerungen zu verzichten, die Inselbevölkerung ist ein Volk von Briefeschreibern, deren liebstes Hobby das Lesen ist, die ihre Sprache pflegt und schon die Jüngsten zu wahren Sprachkünstlern heranzieht. Als dann jedoch die alten Buchstabenkacheln morsch werden und sich zu lösen beginnen, versteifen sich die Herrschenden darauf, dass es sich um ein himmlisches Zeichen handeln muss und führen drakonische Strafen für jeden ein, der eine andere Meinung vertritt. Plötzlich sind die Bewohner in allen Bereichen ihres Lebens eingeschränkt, es wird lebenswichtig, dass die Sprachschere im Kopf jeden unstatthaften Buchstaben aus den eigenen Äußerungen entfernt. Das Postgeheimnis wird aufgehoben, Nachbarn denunzieren sich gegenseitig, andere halten zusammen und planen den Aufstand. Hilfe von außen ist aufgrund der selbstgewählten Isolation nur schwer erreichbar. Dunn skizziert in seinem Roman das schrittweise Entstehen eines totalitären Systems, dass sich einer völlig abwegigen Ideologie verschrieben hat und diese mit aller Macht durchsetzt. Dabei ist sein Roman auf jeden anderen Staat, auf jede x-beliebige Ideologie übertragbar – und genau das macht „Nollops Vermächtnis“ lesenswert. Für Sprachliebhaber sind die vielen Wortspiele, die oft gehobene und im Laufe der Geschichte gezwungenermaßen immer ausgefallenere Wortwahl ein Genuss. Der Übersetzer Henning Ahrens hat hier gute Arbeit geleistet und viele Wortspiele ins Deutsche hinübergerettet.

Mark Dunn „Nollops Vermächtnis“ (OT: Ella Minnow Pea: A Progessively Epistolary Fable), Piper 2004, 239 S., 9€

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