#MeinKlassiker – Gastbeitrag

Birgit Böllinger vom sehr lesenswerten Blog Sätze und Schätze hat heute einen Gastbeitrag von mir veröffentlicht. Eine tolle Erfahrung, das Geschriebene auch einmal woanders zu sehen! Mein Beitrag ist in der Reihe #MeinKlassiker erschienen. Ratet, welches Buch ich ausgesucht habe und schaut HIER nach, ob ihr richtig lagt. Ick freu mir!

Albert Camus: Der Fremde (1942)

Albert Camus – Viel zu lange habe ich mich von diesem großen Namen abschrecken lassen. In der Schule nie in die Verlegenheit gekommen, Camus lesen zu müssen, hat sich vor allem eines herausgestellt: „Der Fremde“ ist nicht nur tiefsinnig, sondern auch äußerst lesbar.

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Im Algerien der 1930er Jahre besucht der junge Meursault die Beerdigung seiner Mutter. Besonders mitzunehmen scheint ihn das Ganze nicht. Auch sonst erscheint er seltsam distanziert von seinem eigenen Leben: Als ihn seine Freundin fragt, ob er sie heiraten wolle, erwidert er, für ihn sei es „in Ordnung“. Als ein Nachbar ihn bittet, seine Geliebte zu überlisten, um sie verprügeln zu können, stimmt er bereitwillig zu, „weil er so nett gefragt wurde“. Als er schließlich wegen Mordes vor Gericht steht und zum Tode verurteilt wird, zieht all das wie in Ferne an ihm vorbei. Doch schließlich, als der Geistliche mit ihm in seiner Zelle über den nahenden Tod und alles, was danach kommt, sprechen will, braust Meursault zum ersten Mal auf: Nach dem Tod komme nichts. Er habe so gelebt und nicht anders, seine letzten Minuten wolle er nicht „mit Gott vertrödeln“.

Camus schildert detailliert Meursaults Tagesablauf, er lässt ihn Eier braten, mit dem Nachbarn über dessen Hund sprechen und arbeiten gehen. Der Leser verfolgt all das und versteht lange Zeit doch nicht, was der Protagonist ihm sagen soll. Seltsam gedankenleer, schnell gelangweilt, erscheint er ­– fremd irgendwie. Dabei erfährt man erst ganz zum Schluss, als der Protagonist, vom Geistlichen zur Trauer ob seines eigenen Todes genötigt, nicht mehr an sich halten kann, was es mit dem Verhalten Meursaults auf sich hat: Er lebt, wie er es für richtig hält, als überzeugter Atheist vertraut er darauf, dass der Tod einfach nur Tod bedeutet und damit nicht mehr zum Leben gehört. Die Zeit, die einem gegeben ist, sei so auszufüllen, wie man eben möchte.

Hier zeigt sich, warum „Der Fremde“ als eines der Hauptwerke des Existenzialismus gilt: Der Protagonist gestaltet seine Existenz selbst, völlig losgelöst von den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Handlungen in bestimmten Situationen gestellt werden. Warum raucht er neben dem Sarg seiner Mutter? – Weil ihm danach war. Warum erschießt er am Strand einen Araber? – Er weiß es nicht, auf jeden Fall machte die Hitze ihm zu schaffen.
Dass Handlungen ohne Grund passieren, ist für die anderen Figuren des Romans völlig unverständlich, vor Gericht versuchen sie, Meursaults Handlungen einzuordnen. Genau das ist es auch, was ihn das Leben kosten wird: Die Annahme, dass die Bedeutungslosigkeit seiner Handlungen auf emotionale Kälte, mithin eine mörderische Eigenschaft, hindeutet.

Albert Camus, „Der Fremde“ (OT: L‘Étranger), aus dem Französischen von Georg Goyert und Hans Georg Brenner, verschiedene Ausgaben.


So viel zu meinem kurzen ersten Eindruck des Romans. Wenn sich jemand eingehender mit „Der Fremde“ oder Camus‘ Gedanken beschäftigt oder Leseempfehlungen zum Thema hat, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Dieser Titel ist Teil meiner
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Vorgelesen: Vertonte Kurzgeschichten bekannter Autoren II

Ich habe mich wieder auf vorleser.net umgehört – im wahrsten Sinne des Wortes – einer Seite, auf der professionelle Sprecher bekannte und weniger bekannte Kurzwerke namhafter Autoren zum kostenfreien Download einstellen.

Dieses Mal waren große Namen aus der Kategorie „Sachliches und Geistiges“ dabei:

Niccolò Machiavelli: Der Staat, 1513 (ca. 11 min)

Diese Abhandlung über gelungenen Staatsaufbau ist, auch wenn kurz, nichts für nebenbei. Ich fand es schwierig, solch dichten theoretischen Ausführungen „nebenbei“ zu folgen. Vielleicht ist es anders, wenn man sich hinsetzt, sich gar Notizen zum Gehörten macht. Ich jedenfalls fand die Umsetzung als Hörbuch schwierig; diesen Text würde ich mir eher auf einem Blatt Papier (mit der Möglichkeit zu unterstreichen) wünschen.


Sigmund Freud: Der Krankheitsfall Katharina (ca. 23 min)

Ein Arzt kehrt in einen abgeschiedenen Berggasthof ein. Die junge Kellnerin Katharina wendet sich vertrauensvoll an ihn: Sie leide an starken Kopfschmerzen und Atemnot, die sie sich nicht erklären könne.
Nun ja… es ist Freud. Die Ursache liegt natürlich in der Sexualität der Patientin. Interessant ist hier, wie die Geschichte nach und nach aufgerollt wird. Lässt sich gut anhören. Etwas anders sieht es aus bei

Sigmund Freud: Märchenstoffe (ca. 15 min)

Diese Traumanalysen sind wirklich nur etwas für hart gesottene Freudianer – oder alle, die sich auf deren Kosten amüsieren möchten. Rumpelstilzchen, eine steile Treppe – worauf läuft das hinaus? Genau: Auf verdrängte sexuelle Erfahrungen und Penisneid. Hier hat Freud wirklich schwere Geschütze aufgefahren und viel seiner Theorie in ein kurzes Essay gepackt. Erzählerisch ist es nicht spannend, dafür fallen fast alle Begriffe, die man mit Freud verbindet.

 

 

 

Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio (1899)

1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. Das ist auch durchaus zu verstehen, die Geschichte zweier talentierter junger Männer, von denen jeder, wäre er weiß gewesen, es wohl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte bringen können, muss einen unglaublichen Reiz auf Teile der gebeutelten schwarzen Bevölkerung der damaligen Zeit ausgeübt haben. Auch, dass die Geschichte die Bürgerrechtsbewegung der USA beeinflusst hat, ist gut nachzuvollziehen, ohne hierüber allerdings Näheres zu wissen. Die Idee von einem geheimen Zusammenschluss aller aufgrund ihrer Hautfarbe Diskriminierten, der so groß und auch so schlagkräftig wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, ist durch und durch politisch und verlockend.

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Callan Wink: Der letzte beste Ort – Stories (2016)

wink-der-letzte-beste-ortDie Charaktere in Winks Kurzgeschichten sind so rau wie die Natur im Nordwesten der USA. Irgendwie spröde gehen sie durchs Leben, manche verhärmt, andere auf dem Weg, es zu werden. Vermutlich hätte jede einzelne der Figuren Donald Trump gewählt.

Die Geschichten scheinen die ganze Bandbreite des Lebens im Nordwesten abdecken zu wollen: Es geht um einen General, der beim jährlichen Reenactment einer Schlacht seine Affäre zu einer Ureinwohnerin pflegt, während seine krebskranke Frau zu Hause sitzt. Um einen Farmerjungen, der zwischen grausamer Katzenjagd und der gescheiterten Ehe seiner Eltern hin und her pendelt. Um einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Teenager, der sein ganzes Leben noch vor nicht hat und mit nichts da steht. Immer geht es um Beziehungen, denn so allein der Mensch auch in den Weiten Montanas lebt, so sehr sehnt er sich doch nach Nähe: Die alleinerziehende Mutter, ihr jugendlicher Liebhaber, der verlassene Arbeiter, der einen Hund stielt. Weiterlesen

VIII. Augustinus oder Die Dienlichkeit der Sünde

Mit Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) beginnt Weischedel seine Betrachtungen über christliche Philosophen. Augustinus spielt dabei eine besondere Rolle, denn durch seine Ansichten und sein Denken wird der Unterschied zu seinen antiken griechischen und römischen Vorgängern besonders deutlich.

In seiner Jugend sei Augustinus ein ziemlicher Herumtreiber gewesen, so Weischedel. Seine vielen Liebschaften und seinen großen Ehrgeiz, sich in der Rhetorik-Ausbildung ganz besonders hervorzutun, bereut Augustinus jedoch kurz nachdem er sich im Alter von 33 Jahren taufen lässt. Fortan zieht sich der weltgewandte Mann zurück und gründet ein Laienkloster. Später wird er Bischof von Hippo, einer antiken Küstenstadt im heutigen Algerien.

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George R. R. Martin: Planetenwanderer

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George R. R. Martin ist seit der Verfilmung seiner Geschichte A Song of Ice and Fire wirklich kein Geheimtipp mehr. Nicht so bekannt sind allerdings seine Science-Fiction-Geschichten, die er lange vor seinem Epos verfasste. Diese Geschichten werden jetzt nach und nach auch auf Deutsch verlegt. Während mir seine Kurzgeschichten bisher nicht zugesagt haben, hat er mit dem Roman Planetenwanderer einen Volltreffer gelandet. Weiterlesen

Literaturzeitschrift: Wortschau

Zum ersten Mal die Vorstellung einer Literaturzeitschrift. Eine Zeitschrift nicht über, sondern mit  Literatur. Diese gehen im allgemeinen Getöse um Neuerscheinungen und Long-/Short-/Bestseller-Listen ziemlich unter. Dabei finden sich gerade hier feine unaufgeregte Texte, die sich nicht am Mainstreamgeschmack messen lassen müssen.

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