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Nelson Johnson: Boardwalk Empire

3. Mai 2015

Boardwalk EmpireJubel, Trubel, Heiterkeit: In den 20er Jahren erreichte das gesetzlose Treiben im US-amerikanischen Atlantic City seinen Höhepunkt. Den Aufstieg und Fall der Stadt schildert Nelson Johnson in „Boardwalk Empire”.

Der Autor schildert die Trockenlegung der überwucherten Düneninsel vor der Küste New Jerseys, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts nur von einigen Bauern besiedelt wird und in deren Ausbau zu einem Luxus-Strandbad Unmengen von Geld gesteckt werden. Das Land wird aufgekauft, nach und nach entstehen Eisenbahnlinien auf die Insel – doch der Traum der Investoren vom Nobel-Urlaubsort stellt sich schnell als reines Wunschdenken heraus. Durch die Eisenbahn und die immer komfortabler werdenden Möglichkeiten zu reisen, ist es besonders das städtische Proletariat aus Philadelphia, das Atlantic City als Tagesausflugsziel ansteuert und auf das schnelle (und günstige) Vergnügen aus ist.

Der Name „Boardwalk Empire“ leitet sich von der befestigten Strandpromenade der Stadt her, die in der Anfangszeit als Attraktion galt und an deren Rand sich luxuriöse Hotels und Geschäfte ansiedelten. So kam doch nach und nach das Geld in die Stadt, die weniger Kurort, als vielmehr Wochenendvergnügung mit Schaustellern und Casinos wurde. Nelson Johnson greift sich die drei führenden Persönlichkeiten der Stadt im 20. Jahrhundert heraus und betrachtet den Aufstieg der Stadt unter dem „Kommodor“ Kuehnle, die Goldenen Zwanziger unter Enoch „Nucky“ Johnson und den rasanten Abstieg unter „Hap“ Farley. Atlantic City sei unter seinen drei „Bossen“ durch und durch von Korruption geprägt gewesen, die Verschwendungssucht der Touristenströme sei zelebriert worden, so der Autor. Da ist es kein Wunder, das sich die Stadtgeschichte ausgezeichnet für eine TV-Serie eignet. Anders als die Serie, setzt die Buchvorlage aber früher an, legt zwar einen Schwerpunkt auf die zwanziger Jahre unter „Nucky“ Johnson, geht dann aber zeitlich weit darüber hinaus. Der Autor beschreibt auch den Niedergang der 70er Jahre, den Verfall der Luxushotels und das Versiegen der Casino-Quellen; dann den Wiederaufstieg, der mit dem Bau neuer Casino-Hotels und Investoren wie den Hiltons und Donald Trump begann.

Nelson Johnson arbeitete als Anwalt des Stadtplanungskomitees von Atlantic City und kennt sich besonders mit den Genehmigungsverfahren der Kasinos in den letzten Jahrzehnten aus – was man seinen Beschreibungen ohne Zweifel anmerkt. Der Leser sollte sich neben den zahlreichen Skandalen der letzten hundert Jahre auch für Geldflüsse und bürokratische Prozesse begeistern können, denn sonst erscheinen diese besonders zum Ende hin ausführlichen Beschreibungen sehr langatmig. Das Buch liefert eine detaillierte Chronologie der Stadtgeschichte von Bauvorhaben, Großinvestitionen, den wichtigsten Hotels, der Bevölkerungsstruktur, Korruptionsprozessen, dem Ansehen der Stadt im Wandel der Zeit und vielem mehr. Müsste man es einer Kategorie zuordnen, so wäre es aber eher Sachbuch als Roman; es finden sich sogar einige Fußnoten. Deshalb passt auch das an die HBO-Serie angelehnte Cover nur bedingt, denn es weckt nicht die Erwartung auf eine Chronologie. Das Buch lebt von den Zeitzeugeninterviews, die den beschriebenen Politikern und Unternehmern Leben einhauchen. So findet sich zu fast jedem Namen, den der Autor fallen lässt, noch eine kleine Anekdote und obwohl einige der „Gestalten“ durchaus Wiedererkennungswert haben, wäre ein Namensregister am Ende sehr hilfreich gewesen. Alle Handlanger, Geschäftspartner, Lokalpolitiker werden namentlich genannt; das Namedropping ist informativ, erschwert aber das Lesen, zumal die meisten Personennamen nicht wieder aufgegriffen werden. Stellenweise kommt man sich selbst vor wie beim Aktenstudium, wenn Vertragsschlüsse über Bauvorhaben ausführlich rekapituliert werden. Gelungen sind aber die Bewertungen des Autors, in denen er sowohl Abscheu als auch Bewunderung für diese Stadt der Exzesse durchblicken lässt. Bemerkenswert ist, dass „Boardwalk Empire – Aufstieg und Fall von Atlantic City“ in beide Richtungen funktioniert: Es ist für Fans der Serie geeignet, die mehr Hintergrundinformationen über die Stadt haben möchten, macht aber auch Lust, sich die schon sprachlich gut illustrierten Protagonisten der Stadtgeschichte als Serienfiguren anzuschauen.

Nelson Johnson, Boardwalk Empire. Aufstieg und Fall von Atlantic City, Heyne Hardcore 2013, 368 S., 12,99€.

Javier Marías: Mein Herz so weiß

11. April 2015

Marías: Mein Herz so weißNach der Lektüre von „Mein Herz so weiß“ des spanischen Autors Javier Marías erstaunt die Polarisierung, die dieser Roman verursacht – nicht aufgrund seiner Handlung, sondern allein wegen seiner Sprache. Das Spektrum der Kommentare reicht von „unlesbar und langweilig“ bis „brillant“.

Der Klappentext legt eine spannende, nervenaufreibende Geschichte nahe: Kurz nach ihrer Hochzeitsreise steht die junge Teresa vom Esstisch auf, geht ins Badezimmer, stellt sich vor den Spiegel und erschießt sich. Doch erzählt wird erst einmal die Geschichte der nachfolgenden Generation, die des Mittdreißigers Juan und die Erlebnisse im ersten Jahr seiner Ehe. Juan ist der Sohn der Schwester Teresas, welche ihren verwitweten Schwager heiratete. Der Autor siedelt seine Geschichte in den wohlhabenden Madrider Kreisen der frühen 90er an. Juan und seine Frau sind Konferenzdolmetscher, er reist viel; mehrere Wochen London, Genf und New York stehen auf seinem Jahresplan. Nach und nach erfährt er von dem Verlust, der seinem Vater kurz nach dessen eigener Hochzeit zuteil wurde und ist sich gar nicht so sicher, ob er mehr über die Vergangenheit erfahren will. Der Leser lernt durch Juans Augen verschiedene Personen kennen: Miriam, die kubanische Geliebte, die ihren Freund bedrängt, endlich seine kranke Frau zu töten; Berta, eine Freundin Juans in New York, die fremden Männern Videos über eine Dating-Agentur schickt; Nieves, sein gealterter Schwarm aus dem Papierwarengeschäft und immer wieder seinen Vater, der nicht zu altern und Juan als Erwachsenen nicht immer ernst zu nehmen scheint.

Der Titel „Mein Herz so weiß“ entstammt Shakespeares Macbeth und bietet mehrere Interpretationsmöglichkeiten: Bedeutet ein weißes Herz Unschuld? Oder ist es ein blasses, feiges Herz? Marías‘ Protagonist reflektiert sehr viel; seine Gedankengänge füllen Seiten; sein Innenleben ist die eigentliche Geschichte des Romans. Keine der erzählten Episoden ist unbedeutend, alles fügt sich in Juans Denken in jedem Augenblick zusammen. Der Roman lebt von den Motiven, die der Autor erschafft, wiederkehrende Worte zu unterschiedlichen Zeiten. Javier Marías lässt sich Zeit und genießt es, den Tod Teresas über 300 Seiten hinweg geheimnisumwittert zu lassen. Lieber betrachtet er die Beziehungen der Menschen zueinander, ihr Altern, ihre Hoffnungen und ihren Schmerz. Er zeichnet das Bild eines jungen modernen Paares, dem die Welt offensteht und das glücklich zwar, immer wieder von Ängsten geplagt wird. Das Band zwischen Vergangenheit und Zukunft wird ständig geknüpft, es wird stärker, je mehr Juan über seine Familie und besonders seinen Vater erfährt. Er ist ein nachdenklicher, tiefsinniger Protagonist, für den Marías Satzungetüme erschafft, die sich über eine ganze Seite ziehen.

„Mein Herz so weiß“ ist ein sehr nachdenklicher Roman mit fein ausgearbeiteten Motiven, die trotz ihrer häufigen Wiederholung nicht aufdringlich oder ermüdend wirken. Der Leser muss sich Zeit nehmen, um die Schönheit seiner Sprache zu schätzen. Wer allein um der Geschichte willen, die der Klappentext vorstellt, liest, wird enttäuscht. In dieser Hinsicht ist der Umschlag des Buches irreführend. Die oben abgebildete Ausgabe aus der Spiegel-Bibliothek ist noch mit einem aufschlussreichen Nachwort zur Einordnung des Gelesenen versehen und verliert auch ein paar Worte über den Autor. So erfährt man, dass Javier Marías sich zu seinem Anspruch bekennt, anspruchsvolle Romane schreiben zu wollen. Und das ist ihm mit dieser wunderbaren Perle wirklich gelungen.

Javier Marías, Mein Herz so weiß (OT: Corazón tan blanco), z.B. Spiegel-Verlag 2006, 384 S.

Kenzaburo Oe: Eine persönliche Erfahrung

2. April 2015

Oe ErfahrungDer 27-jährige Bird wird Vater. Während seine Frau in den Wehen liegt, resümiert er darüber, dass er sich noch nicht dazu bereit fühlt; der Spitzname, der ihm aus Jugendtagen geblieben ist, deutet darauf hin. Er wird ins Krankenhaus gerufen, die Ärzte teilen ihm mit, sein Kind sei mit einer Gehirnhernie zur Welt gekommen –  sein Gehirn quelle aus einem Loch in seiner Schädeldecke hervor. Und tatsächlich sieht Bird das Baby mit einer so großen Beule am Kopf, „dass man meinen könnte, es hätte zwei Köpfe“. Die Ärzte räumen dem Kind geringe Überlebenschancen ein, überhaupt sei es, sollte es denn überleben, nur zu einer „pflanzenhaften Existenz“ fähig. Bird nimmt diese Einschätzung rückhaltlos an, er lässt das Kind in eine Spezialklinik bringen, hat das Gefühl, von den Ärzten und schwangeren Frauen auf den Fluren ob seines entstellten Kindes gedemütigt zu werden. Im Einvernehmen mit der Schwiegermutter beschließt er, das Kind „verschwinden“ zu lassen, noch bevor es seine Frau zu Gesicht bekommt. Er weist an, es mit Zuckerwasser statt Milch zu füttern, dass es schließlich eines Schwächetodes stürbe. Das sei „für alle Beteiligten das Beste“. Die ungewissen Stunden bis zum Tod des Kindes verbringt er bei seiner Freundin Himiko, die schnell seine Geliebte und Komplizin wird. Doch die Entscheidungen über Leben und Tod, die er trifft, lasten schwer auf ihm.

Der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe (1994 für „Der stumme Schrei“/“Die Brüder Nedokoro“) schildert hier tatsächlich anhand persönlicher Erfahrungen die Gefühlswelt Birds nach der Geburt seines Kindes. Sein eigener erwachsener Sohn leidet auch an einer Gehirnhernie und bedarf rund um die Uhr der Pflege seiner Eltern.
Der Protagonist Bird entschließt sich schnell, das Kind nicht anzunehmen. Er identifiziert sich nicht mit ihm, nimmt es nicht als sein Kind an, leugnet gar jede Ähnlichkeit mit ihm. Er erkennt den Jungen als etwas Fremdes, Feindliches, das in seine bis dahin unbeschwerte Welt eindringt und seinen großen Traum von einer geplanten Afrika-Reise zunichte macht. Bird erscheint dabei nicht als vorausschauender Planer, dem das Kind einen Strich durch sein geordnetes Leben macht. Vielmehr ist Bird ein chaotischer Charakter, der den Teenager-Jahren noch nicht richtig entwachsen scheint. Er betrank sich einen Monat hindurch, brach sein Studium ab und begreift diese Episode als etwas im Hintergrund Lauerndes, das er nicht begreift, vor dem er sich aber fürchtet. Dabei ist er von Freunden und Bewunderern umgeben, kein Einzelgänger, wenn auch etwas verschroben.
Bird ist durch und durch Egoist, was er bis zum Schluss bleibt und kaum reflektiert. Er hadert mit seinem „Monster-Baby“, denkt aber immer mehr über den Mord nach, den er bei den Ärzten in Auftrag gegeben hat und beschließt, teils aus Misstrauen, teils aus einem merkwürdigen Verantwortungsgefühl heraus, das Kind zu sich zu holen und sich selbst um seinen Tod zu kümmern.

Selten in diesem Buch, das nur einige wenige intensiv durchlebte Tage umfasst, geht es um Schuld. Und doch geht es um nichts anderes, denn sie schwingt unterschwellig mit, bei jedem Satz. Es gibt keine Ächtung der Vorstellung, ein behindertes Kind aus egoistischen Motiven zu töten. Dieses Verhalten wird nicht ein einziges Mal reflektiert. Birds Betrug an seiner Frau, die noch im Wochenbett liegt, während er in die Arme einer anderen flieht, wird nicht ein einziges Mal thematisiert. Sein Egoismus ist neben der Zerrissenheit wegen seines Mordplans das nie explizit dargebotene Hauptthema dieses Werkes von Oe. Nie wird die moralische Frage gestellt, ob die Eltern – ja gar der Vater allein gegen den Willen der Mutter – über den Tod eines behinderten Kindes entscheiden dürfen. Denn in diesem Werk Oes geht es vordergründig nicht um Moral, sondern um die persönliche Entwicklung des Protagonisten, seine gelebte Selbstliebe. Wer das aushält, entdeckt hier ein Tabuthema in originellen Sprachbildern – einen streitbaren Schatz.

 Oe, Kenzaburo, Eine persönliche Erfahrung, verschiedene Ausgaben.

Ein Interview mit Oe zu seinem Werk in der Zeitung Die Zeit.

Bitterböse Lesung mit Jens Westerbeck

27. März 2015

Gestern Abend lud die Random House Verlagsgruppe zur Buchpräsentation für Jens Westerbecks neuen Roman After-Show-Party ein. Mit dem schicken Club des The Grand nahe Alexanderplatz, landeten die Organisatoren einen Volltreffer, was Ambiente und Berliner Flair betraf. Im kleinen Kreis erzählte Westerbeck humorig Episoden aus seinem abwechslungsreichen Berufsleben als Yacht-Broker, Fernsehmann und BILD-Reporter. Auf sich aufmerksam machte er vor einiger Zeit mit seinem ersten Branchen-Roman „Boatpeople“ über das Leben zwischen Luxus-Yachten.

In After-Show-Party nimmt er die Medienbranche aufs Korn und beleuchtet die Berliner Medienlandschaft aus der Sicht eines heruntergekommenen Klatsch-Reporters, einer ambitionierten Konzern-Erbin und eines britischen Fernsehlieblings, der mit einem Skandal-Video erpresst wird. Themen wie Wahrheit und Lüge, der vermeintliche Niedergang der Printmedien und die dubiosen Methoden der Informationsbeschaffung werden dabei angesprochen und aufs Bissigste kommentiert. Westerbecks Vortrag, seine Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln und seine Kommentare zum Weltgeschehen ließen gewollt Rückschlüsse auf seine Vergangenheit als Gag-Schreiber für Comedians zu – ein Highlight der Lesung war seine treffende Imitation des x-beliebigen Berliner Taxifahrers.

Wer Lust auf direkten, teils auch derben Humor, viele Anspielungen und bissigen Witz hat, dem wird After-Show-Party gefallen. Westerbeck sollte sich überlegen, ob er nach all seinen bisherigen Stationen nicht auch bald ins Hörbuchgeschäft einsteigen will – Talent dafür war bei der Lesung deutlich zu erkennen.

V. Epikur und Zenon oder Pflichtloses Glück und glücklose Pflicht

20. März 2015

Weischedel baut die Ansichten der Epikureer und der Stoiker als Antagonismus auf. Er beginnt mit den Ansichten des Epikur (371–271/70 v.Chr.).

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Die Überlieferung bzgl. Epikurs ist von Widersprüchen geprägt. Zum einen wird er als sehr lustbetonter, der Völlerei fröhnender „Wüstling“ dargestellt, seine Schüler verehren ihn jedoch als selbstgenügsam und milde. Als höchstes Lebensziel deklariert er das Glück. Das Glück sei besonders die Vermeidung von Schmerz und Gewinnen von Lust, unter der er das gute Gespräch, die Kunst, Musik und besonders die Philosophie versteht. Wahres Glück könne nur erreicht werden, wenn sich die Seele „im ruhigen Gleichmaß“ befinde. Daher müsse alles Störende vermieden werden. Das könne am besten gelingen, wenn der Mensch selbstgenügsam und zurückgezogen im Privaten lebe, öffentliche Aufgaben meide. Der Epikureer ist dabei kein Eremit – als höchstes Gut gilt die Freundschaft zu anderen, die Epikur bei Versammlungen in seinem Garten praktizierte.
Als störend erscheint auch die Bedrohlichkeit der Umwelt. Epikur lehnt daher die bedrohlich wirkenden Mythen ab und begreift die Natur im Sinne der Atomlehre Demokrits. Alles sei aus Atomen aufgebaut, wobei auch ein gewisser Zufall eine Rolle spiele. Auf diesen könne der Philosoph keinen Einfluss nehmen, sodass er die Welt ruhigen Gewissens sich selbst überlassen kann. Die Existenz der Götter bestreitet Epikur nicht; er verbannt sie allerdings in eine Zwischenwelt, aus der heraus sie keinen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen können. Auch dem Tod nimmt er seinen Schrecken: Menschen könnten nur empfinden, was für sie Realität hat. Der Tod aber sei nicht zu empfinden, er sei daher ein „Nichts“, vor dem man sich nicht zu fürchten brauche. Das Glück könne durch Philosophieren gewonnen werden – daher ist es nach Epikur nie zu spät, damit anzufangen.

Marmorbüste des Zenon

Zenon von Kition (333/332–262/261 v.Chr.) dagegen lehnt die Lehren Epikurs ab. Er selbst ist der Überlieferung nach durch Zufall zur Philosophie gekommen: Als er mit seinem Handelsschiff Schiffbruch erlitt, wohnte er zeitweise bei einem Buchhändler, der ein philosophisches Buch las. Da beschloss dann auch Zenon, sich der Philosophie zu widmen. Als ernster, zurückhaltender und fast asketischer Mann beschrieben, gab er seinen Unterricht in einer bemalten Säulenhalle – daher stammt der Name der Schule „Stoa“ (Vorhalle). Zenon galt als angesehener und verehrter Bürger Athens, schon zu Lebzeiten erhielt er eine Statue und andere Auszeichnungen. Er versteht die Philosophie als „Kunst der Lebensführung“, deren Ziel es sei, in Übereinstimmung mit sich selber zu leben. Hier taucht dann auch zum ersten Mal der Begriff der Persönlichkeit und Selbstverwirklichung auf: Die Selbstverwirklichung sei nichts Subjektives sondern ein Gesetz, das es erfordere, nach dem zu leben, was die einem  innewohnende Vernunft vorgebe. Diese innere Vernunft steht aber mit der Natur, mit dem großen Ganzen, im Einklang. Die Natur besteht bei den Stoikern nicht aus einer Vielzahl von Atomen, sondern ist etwas Lebendiges und wird mit dem höchsten Gott gleichgesetzt. Weil der Mensch an diesem Göttlichen teilhat, kann er die Vernunft auch in sich selbst erwecken. Auf diesen Gedanken beruft sich später auch der Apostel Paulus in seiner Rede auf dem Areopag (jenem Felsen oder vor dem gleichnamigen Rat in Athen). Der Mensch soll also nicht eine allgemeine, von außen vorgegebene Tugend verwirklichen, sondern das in ihm als Individuum Angelegte. Die Freiheit scheint bei der Befolgung des inneren Gesetzes kurz zu kommen. Nach Zenon ist frei, wer der Vernunft folgt, sich also freiwillig in die letztendlich göttliche Ordnung fügt. Freiheit durch Pflichterfüllung. Um seiner Pflicht nachzukommen, müsse sich der Mensch gerade nicht ins Private zurückziehen, sondern öffentliche Aufgaben übernehmen. Der Mensch sei von Natur aus gesellig, eine allgemeine Menschenliebe solle in ihm wachsen. Dabei solle er sich nicht von Leidenschaften beherrschen lassen, denn diese würden das Gleichgewicht der Seele stören (die Apatheia als Abwesenheit von Affekten). Idealerweise steht der Mensch den Widrigkeiten des Lebens und Schicksalsschlägen unbewegt gegenüber – stoisch eben.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 60–69.

Botho Strauß: Herkunft

15. März 2015

Strauss HerkunftIn „Herkunft“ schildert der nunmehr siebzigjährige Strauß seine Erinnerungen an seine Eltern. Den Großteil seines Büchleins widmet er dem Vater, den er als „aus der Zeit gefallen“, konventionell und dabei auch stur beschreibt. Der Mann, der versucht, das bürgerliche Ideal auch nach der Flucht aus dem Osten und der Enteignung des Besitzes aufrecht zu erhalten, dessen Tagesablauf immer gleich, immer ausgehfertig bekleidet beginnt und doch größtenteils am heimischen Schreibtisch stattfindet. Die tägliche Routine scheint für den jungen Strauß aber nichts Bedrückendes, Enges zu haben, vielmehr macht er in dem ehemaligen international besuchten Kurort Bad Ems seine eigenen Erfahrungen, in seiner Bildung immer wieder angeleitet durch den Vater. Als Leser kommt einem der Gedanke, ob der Vater, wie beschrieben, eigentlich eine traurige Figur ist, ob das Beharren auf Konventionen und strikte Routine ein erfülltes Leben bieten oder bieten können. Strauß hadert – anders als Lothar Struck in der Autofiktion Grindelwald – nie mit seinem Vater; durch seine Beschreibungen zeichnet er auf wenigen Seiten das facettenreiche Bild eines Mannes, den man unweigerlich versucht, sich in der heutigen Zeit in einer lauten und hektischen Stadt vorzustellen.
Der Mutter sind nur ein paar wenige Seiten gewidmet. Sie erscheint als Frau, die unbekümmert nie viel erwartet hat und auch nicht brauchte, um glücklich zu sein. Und die sich im Alter diese Haltung, diesen Charakterzug bewahrt hat.
Ein bisschen Melancholie schwingt mit in Strauß’ Erzählung. Ein wenig antiquiert manchmal die Sprache, die er verwendet. Unweigerlich fragt man sich, wie wohl sein Vater geschrieben, welche Worte er gewählt hätte, er, der auch schriftstellerische Ambitionen hatte. Vielleicht wären sie ähnlich gewesen.

Botho Strauß, Herkunft, Hanser 2014, 96 S., 14,90€.

Vanessa da Mata: Blumentochter

6. März 2015

BlumentochterDie Protagonistin dieses Romans, die junge Adelgiza, lebt gemeinsam mit ihren beiden nur wenig älteren Tanten in einer alten Villa in einer brasilianischen Kleinstadt. Sie schildert ihre Kindheitserinnerungen an den bunten Garten, dessen Blumen an die ganze Stadt verkauft werden und an die Jagd auf die riesigen Ameisen, die gefräßig jedes Rosenblatt zu bedrohen scheinen. Nächte voller Geschichten in den Baumwipfeln gehören genauso dazu wie die Fruchtsaft verschmierten Gesichter nach dem Plündern der Mangobäume. Der Garten scheint alles im Überfluss zu haben. Die anfängliche Vertrautheit mit ihrer fast gleichaltrigen Tante und Spielgefährtin Florinda lässt jedoch nach, je älter Adelgiza wird. Die beiden Tanten scheinen ohne sie erwachsen werden zu wollen, sie fühlt sich ausgeschlossen, auch vom Rest der Stadt gemieden. Ihren Trost findet sie bei der Hausangestellten und in den vielen Liebesbriefen, Nachrichten von geheimen Liebschaften, die sie gemeinsam mit den Blumen ausliefert. Gerade volljährig geworden, packt sie die Lust auf Abenteuer und sie begibt sich, nie aus der Kleinstadt herausgekommen, in das entlegene Stadtviertel Vila Morena, von dem nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Adelgiza findet dort Freunde, die – Prostituierte und Trinker – so gar nicht in ihr bisher auf Wahrung von Sitte und Anstand gerichtetes Leben passen. Doch gerade dort, an diesem verrufenen Ort, erfährt sie, dass es in der verschlafenen Stadt tatsächlich Geheimnisse gibt – und sie im Mittelpunkt steht.

Vanessa da Mata ist in Brasilien vor allem als Sängerin und Songschreiberin bekannt. Das merkt man auch ihrem Roman an. Ihre Orts- und Personenbeschreibungen lesen sich sehr anschaulich, man hat das Gefühl, die schwere, feuchte Luft atmen zu können, selbst inmitten eines üppigen Gartens zu stehen, Blumen und Früchte zu riechen, gar zu schmecken. Mit dem Älterwerden Adelgizas fügen sich diesen Beschreibungen Betrachtungen über Sexualität hinzu. Neben üppigen Bäumen werden nun auch die Körper der Menschen im Umfeld der Protagonistin beschrieben. Ihre Tanten erscheinen anhand ihrer körperlichen Attribute noch anschaulicher; der Körper scheint den Charakter zu bestimmen. So erwachsen die beiden Tanten auch zu sein vorgeben, sie definieren sich, gerade dem Teenageralter entwachsen, hauptsächlich über die Zahl ihrer Verehrer, die Anzüglichkeit der Briefe, die sie erhalten. Adelgiza wird davon bewusst ausgeschlossen und sieht sich mit der alles beherrschenden Doppelmoral versteckter Hemmungslosigkeit auf der einen und der strikten, keuschen Moral der Kirche auf der anderen Seite konfrontiert. Je älter sie wird und je mehr eigene Erfahrungen sie – verbotenerweise – macht, desto mehr rückt Körperlichkeit in den Vordergrund, bis sie schließlich ihre Religion wird.

Da Mata schreibt anschaulich, der Leser taucht völlig ein in die Gerüche und die Hitze der Stadt. Nach einigen Seiten wünscht man sich allerdings eine Pause, wünscht sich, auch selbst einmal die Füße in den kühlen Fluss tauchen zu können. Wenn schließlich die üppigen weiblichen Formen der Tanten geschildert werden, kann man nur schwer umhin, immer wieder kritisch denken, dass da Mata hier von Teenagern schreibt. Unterschwellig, manchmal gar offen, bemerkt sie, dass die Mädchen erst wahrgenommen werden, sobald sie ihre Weiblichkeit kokett einzusetzen wissen. Dass sie sich in einem Sommerkleid nicht mehr in alle Gegenden trauen können und dass jede von ihnen Gegenstand des Stadtklatsches ist. Durch all diese Dinge, die sie die Protagonistin am eigenen Leib erfahren lässt, inszeniert da Mata gekonnt die Doppelmoral der Kleinstädter, die kaum einen Kirchgang auslassen, dabei aber gekonnt verschiedene Liebschaften unterhalten. Als Leser hätte man sich die Ausführlichkeit des Anfanges auch am Ende gewünscht. Allzu schnell lüftet sich das Geheimnis um Adelgiza – und das nicht etwa kunstvoll, sondern in einem Schwung durch einen Betrunkenen erzählt. Jener Teil, in dem sie in die Vergangenheit der Kleinstadt eindringt, erscheint nach dem üppigen Anfang nur allzu dürftig. Die Mischung von Realität und Fiktion ist interessant, gelingt aber nicht völlig. Einige Zufälle erscheinen einfach zu passend, einige Details zu unglaubwürdig, so etwa die Aussage, dass Adelgiza ihren Garten zwar jeden Tag besucht, ihn aber noch nie ganz erkundet hat.

Fazit: „Blumentochter“ besticht durch die anschaulichen Beschreibungen einer brasilianischen Kleinstadt und ihrer Einwohner. Die Schwächen der Geschichte können diese aber nicht ausgleichen.

Vanessa da Mata, Blumentochter, List 2015, 304 S., 18,00€.

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