Szilárd Borbély: Die Mittellosen

42450Im Februar 2014 nahm sich der Autor das Leben. Dieser Satz, so wahr wie endgültig, findet sich in der dem Roman vorangestellten Kurzbiografie Szilárd Borbélys. In der Erzählfiktion „Die Mittellosen“ schildert der Autor seine Kindheit in einem ungarischen Dorf der 1970er Jahre.

Missgunst, Gewalt, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit: Das Dorf ist wahrlichkein Ort für zartbesaitete Gemüter. Die Menschen hier verhalten sich in ihrem Hass auf alles, was anders ist, so wie schon seit Jahrhunderten: Herkunft und Stand spielen auch unter den „Genossen“ eine Rolle, endlich haben „die Bauern“ die offizielle Erlaubnis, es jenen heimzuzahlen, die klüger gewirtschaftet haben als sie selbst. Der einzige im  Dorf verbliebene Jude wird weiterhin gemieden, viel zu adrett sahen doch seine Töchter immer aus. Selbst noch, als sie deportiert wurden.

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#Indiebookday 2016

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Auf der Leipziger Buchmesse habe ich in diesem Jahr viele kleine unabhängige Verlage kennengelernt und war überrascht und erfreut zu sehen, dass diese ein großes Netzwerk aufgebaut haben, um sich gegenseitig zu unterstützen. So wird seit 2009 einmal jährlich das beste Buch aus einem unabhängigen Verlag gekürt, das Publikum kann dabei für die Bücher der Hotlist abstimmen. Am Buchmesse-Freitag fand UV – Die Lesung der unabhängigen Verlage: Lies lieber unabhängig! statt und als eine der nächsten Veranstaltungen steht im April der noch junge Zwickauer Literaturfrühling an.

Der Indiebookday ist eine Initiative des mairisch-Verlags, um auf die vielen tollen Neuerscheinungen der unabhängigen Verlage hinzuweisen, die sich (noch) keine groß angelegten Werbeaktionen für ihre Bücher leisten können oder wollen. Zu diesem Zweck veröffentlicht man ein Foto vom zuletzt gekauften Buch eines kleinen Verlages. In meinem Fall habe ich das Buch geschenkt bekommen, aber ich denke, das kann man in diesem Fall auch durchgehen lassen. Frohe Ostern allerseits!

 

F. Arnold - Die Ferne

Florian Arnold, Die Ferne, Mirabilis Verlag 2016, 264 S., 16,90€.

 

 

Leipziger Buchmesse #2

So viele Eindrücke. So viele Menschen. So viele Bücher!
Schon am Donnerstag waren die fünf Hallen der Leipziger Messe gut besucht. Nachdem ich mir einen ersten Überblick verschafft hatte – einfach drauflos, den Messeplan für Orientierungsnotfälle in der Tasche – konnte es losgehen.

Haupteingang Messe Leipzig

Halle 1: Mangas und Comics

Schon am Donnerstag war Halle 1 am besten besucht; zu dem wohl geringsten Altersdurchschnitt kam die höchste Dichte an kostümierten Besuchern. Zwischen Haaren in allen Regenbogenfarben gibt es hier Konzerte und Ninja-Vorführungen, einen Stand zum Erlernen des Go-Spiels, Bogenschießen, Teegarten und eine Menge Comics, aber noch mehr Mangas und Merchandise. Ich selEins der vielen originellen Kostüme in Halle 1 - Katzenohren tauchten häufiger aufbst war auf der Suche nach Altauflagen, musste aber schnell feststellen, dass fast ausschließlich neue Ware angeboten wurde. Wer ebenso auf der Suche ist, könnte aber im Laufe des Wochenendes an dem Bring&Buy-Stand Glück haben. Das größte Spektakel der Buchmesse findet man hier auf jeden Fall.

Halle 2, 3 und 4: Große Verlage und Zeitschriften

Halle 2 beherbergt viel Kinder- und Jugendliteratur, einen Theaterbus, Schulbücher und Material für den Schüler- und Lehreralltag. Außerdem gibt es hier ein Familiencafé und die sogenannten Lesebuden – gute Möglichkeiten sich mal kurz auszuruhen.

Halle 3 ist bunt gemischt: Das „Forum Religion“ nimmt hier einen großen Platz ein; es finden sich Hörbuchstände und viele Stände zu Kunstbüchern. Wer sich über Sach- und Reisebücher informieren will, ist hier auch richtig.

In der vierten Halle wurde die Messebuchhandlung ausgebaut. Man kann aber auch direkt an den Ständen einen der mobilen Verkäufer heranwinken und das Buch gleich vor Ort einpacken. Die großen deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften sind auch vor allem in Halle 3 und 4 angesiedelt. Hier gibt es auch ein multimediales Angebot verschiedener öffentlich-rechtlicher Fernsehsender – wenn Platz ist, optimal, um die Füße zu entlasten und ein paar bewegte Bilder zu sehen.

Literatur aus aller Welt

Halle 4 hat einen großen Bereich internationaler Literatur und wer wie ich keine Ahnung hatte, welche Bücher gerade so in Lettland und Litauen erscheinen (überraschend viele und wunderschön illustrierte Kinderbücher!), kann sich hier informieren lassen. Die deutschsprachigen Länder haben tendenziell größere Stände, aber auch die sonstigen europäischen und außereuropäischen Staaten bieten übersetzte Literatur an. So gibt es am sehr puristischen saudi-arabischen Stand deutsch-arabische Kinderbücher, bei den Ungarn viele deutsche Übersetzungen, dafür am tschechischen Stand fast ausschließlich tschechischsprachige Literatur und am US-amerikanischen Stand einen lebensgroßen Obama-Aufsteller und Reiseprospekte. Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich die verschiedenen Staaten ihre Ausstellungsflächen nutzen.

Der Stand des türkischen Kulturzentrums Berlin

Vom Schreiben und Lesen durch die Jahrhunderte

In Halle 4 hatte ich auch ein interessantes Gespräch mit dem Historiker Hanno Blohm von Bund für deutsche Schrift und Sprache e.V. Der Verein setzt sich für die Erhaltung verschiedener deutscher Schriftarten als Kulturgut ein und bietet Unterstützung beim Schreiben- und Lesenlernen an. Herr Blohm spricht mit so großer Begeisterung über die alten Schriften und die Wichtigkeit, mit der Hand zu schreiben, dass man binnen weniger Minuten beginnt, seine Begeisterung zu teilen. Während wir synchron den Kopf darüber schüttelten, dass der Verein 1941 in NS-Deutschland verboten worden war, weil er „Judenschrift“ propagiere, bekam ich mit, wie viele Leute an den Stand traten und sofort persönliche Geschichten erzählten: Da ging es um unleserliche Briefe der Großeltern oder erste missglückte Schreibversuche. Wer sich für Geschichte und Handschrift begeistern kann, sollte hier unbedingt vorbeischauen.

Halle 5: Unabhängige Verlage und Autorenarena

In Halle 5 war die große „Autorenarena“ der Leipziger Volkszeitung aufgebaut, hier gibt es mindestens im Stundentakt Interviews mit teils prominenten AutorInnen.  Ansonsten versammeln sich in Halle 5 vor allem die kleinen unabhängigen Verlage, deren Bücher häufig nicht in den großen Buchhandelsketten zu bekommen sind. Einige sehr junge Verlage erschienen gar mit nur einer einzigen Publikation. Das war aber eher die Ausnahme; hier hat man aber immer wieder die tolle Gelegenheit, den Verleger oder die Verlegerin selbst am Stand zu treffen und sich über die Verlagsprogramme, die häufig gerade erst im Werden sind, informieren zu lassen. Ab und zu trifft man auch einen der Autoren, der am Stand mithilft und dabei gleich Rede und Antwort zum eigenen Buch steht. Ich traf dabei auf einen Lyriker, der den ausliegenden Musical-Text einer Kollegin lobte. Viel verstanden habe ich nicht, aber es ging um Toastbrot.

Arabische Schriftstellerinnen im Fokus

Der Alawi-Verlag aus KölnZeit für ein Gespräch mit mir nahm sich Herr Abdul Rahman Alawi vom Alawi-Verlag aus Köln. Nachdem der Stand mit einem Banner für arabische Literatur warb, erfuhr ich schnell, dass sich Herr Alawi auf bisher nicht in Fremdsprachen übersetzte arabischsprachige Schriftstellerinnen spezialisiert hat. Eine Nische zugegebenermaßen, aber so interessant, dass ich in einem späteren Beitrag mehr von dem Gespräch erzählen möchte.

Literaturzeitschriften als rare Aussteller

Literaturzeitschriften waren überraschend selten vertreten. Eine, auf die ich aufmerksam geworden bin, ist die „Wortschau“, die verschiedene Textgattungen veröffentlicht und in Zusammenarbeit mit den Illustrationen verschiedener Künstler dreimal jährlich erscheint. Zum Gespräch mit einem der Herausgeber, Wolfgang Allinger, gibt’s demnächst mehr.

Just-in-Time-Erscheinung

Besuch der sächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, beim Mirabilis VerlagAm Stand des Mirabilis-Verlags traf ich den Autor und Illustrator Florian Arnold, dessen erste Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ letztes Jahr gleich auf die Hotlist der unabhängigen Verlage hüpfte und damit als eines der dreißig besten Bücher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nominiert wurde. Sein neuer, diesmal fantastischer Roman „Die Ferne“ schaffte es gerade am Wochenende vor der Buchmesse aus dem Druck: Der Autor wirkte entspannt – hat ja schließlich noch alles geklappt.

Preis der Leipziger Buchmesse

Die glücklichen Gewinner zweier Buchpreise

Wer denkt, bei den kleinen Verlagen sei weniger los, der irrt. Spätestens als der Verlag Schöffling & Co gleich zwei Buchpreise abräumte (Guntram Vesper für „Frohburg“ und Brigitte Döbert für ihre Übersetzung aus dem Serbischen), gab es einen riesigen Menschenauflauf vor dem kleinen Stand – und eine Menge Sekt.

Fazit

Nach zwei Tagen endete die Buchmesse für mich am Freitagabend und ich muss gestehen: ich bin jetzt noch k.o. Mit fünf riesigen Hallen ist die Messe ein großes Spektakel und auch, wenn man hin und wieder kleine Ruheinseln findet, so ist man doch hauptsächlich auf Achse: für die vielen Gespräche, die Vorträge zu verschiedensten Bücherthemen (übrigens auch zum Thema Studium und Karriere im Verlagswesen) und nicht zuletzt als begeisterter Leser, der sich neu eindecken muss. Wer die Möglichkeit hat, noch hinzufahren, nichts wie los – es lohnt sich!

Auch an der Innenstadt geht die Messe nicht spurlos vorbei

Leipziger Buchmesse #1

Bevor morgen mit dem Fachbesuchertag die Leipziger Buchmesse so richtig eingeläutet wird, wurde heute erstmal die Stadt erkundet. Ich bin zum ersten Mal länger in Leipzig und hatte so Gelegenheit, auch mal entspannt durch die wirklich schöne (und saubere! – das fällt sofort auf, wenn man gerade aus Berlin kommt) Innenstadt zu bummeln. Morgen um zehn beginnt dann das Programm, besonders freue ich mich darauf – unter hoffentlich nicht allzu großem Andrang – das Messegelände zu besichtigen und einen ersten Überblick zu bekommen. Von der Lounge habe ich auf jeden Fall schon viel Gutes gehört😉.

Hier Bilder vom heutigen Stadtspaziergang:

Auerbachs Keller - eine Werbung durch Goethe persönlich kann wohl nichts toppen

Auerbachs Keller – eine Werbung durch Goethe persönlich kann wohl nichts toppen

Auerbachs Keller - hier eines der Schilder am Eingang

Auerbachs Keller – hier eines der Schilder am Eingang

Das Neue Rathaus

Das Neue Rathaus

 

Der Teufel, wie er die Studenten verzaubert

Der Teufel, wie er die Studenten verzaubert

Die Stadtbibliothek - einer der vielen Veranstaltungsorte der Buchmesse

Die Stadtbibliothek – einer der vielen Veranstaltungsorte der Buchmesse

 

 

 

Katharina Winkler: Blauschmuck

Winkler: BlauschmuckEr schlägt zu, immer wieder und sie trägt ihre Wunden als Schmuck: als Blauschmuck.

Das Leiden wird chronologisch erzählt: Filiz, wie sie in einem kurdischen Dorf, weit entfernt von der nächsten Stadt, aufwächst. Wie sie und ihre Geschwister vom Vater geschlagen werden. Wie die Mutter vom Vater geschlagen wird. Wie alle Frauen des Dorfes von ihren Männern geschlagen werden. Für Filiz ist die Gewalt normal, man spricht nicht darüber, auch, wenn man ihre Spuren deutlich sieht. Blauschmuck ist Privateigentum. Sie lernt Yunus, ihren zukünftigen Mann kennen. Er sperrt sie in den Stall, damit sie den anderen Jungen nicht mehr beim Schwimmen zusehen kann. Sie ist verliebt; körperliche Attribute stehen im Vordergrund: Sie hat schöne Haare und schöne Augen, er einen festen Schritt – sie sollten zusammen sein. Ihr Vater ist gegen die Heirat, ob er Yunus‘ Charakter schon da erkennt, erfahren wir nicht. Filiz läuft mit Yunus fort, die Hochzeit und die demütigende Hochzeitsnacht folgen. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht, sie ist noch minderjährig, ein Mädchen. Gemeinsam ziehen sie zu Yunus‘ Mutter, der Spinne. Filiz wird gezwungen, eine Burka zu tragen, in der Öffentlichkeit und auch sonst aufs Sprechen zu verzichten. Ich darf nicht lachen, meine Lippen nicht öffnen, weil sie an meine Schamlippen erinnern, und die sind Yunus‘ Eigentum. Die vielen Stoffschichten verdecken ihre blauen Flecken. Auch, dass sie hungert und schwanger ist. Yunus‘ zieht mit ihr und den Kindern um, nach Istanbul, dann nach Österreich, sperrt sie ein, sie weiß wieder nicht, wie ihr geschieht. Sitzt tagelang in der Wohnung und zittert, wenn ihr Mann zur Tür hereinkommt. Sie knüpft zaghafte Kontakte zur Außenwelt, landet im Krankenhaus. Als sie Flugtickets kauft und er sie findet sagt er: Entweder du bringst dich jetzt um, oder ich hänge dich auf, vor den Augen der Kinder.

Kurze Sätze, die wie Schläge auf den Leser niederhageln. Die Gewalt wirkt hier durch die klare, unverstellte Sprache in ihrer ganzen Obszönität. Als Leser teilt man ausschließlich Filiz‘ Perspektive, fühlt mit ihr in ihrer Hilflosigkeit, verspürt aber auch Wut: Nicht nur auf Yunus, sondern auf die ganze Umgebung des Mädchens: Auf die Frauen, die ihr Leid still erdulden und diese Haltung an die Töchter weitergeben. Auf die Familien, die ihre Kinder nur mit großer Not versorgen können, Bildung ist nicht vorgesehen, die aber immer mehr Kinder bekommen – irgendwer muss die Feldarbeit ja machen und dem Vater die Füße waschen. Auf die Männer, wenn sie die Gegebenheiten nutzen und sich als Herren ihres kleinen, verängstigten Universums aufspielen.

Fazit: Katharina Winkler schreibt unbeirrt an der ganzen Debatte um eine mögliche Unterdrückung der Frau im Islam vorbei und zeigt anhand dieses furchtbaren und wahren Einzelschicksals, dass eine Kultur, gleich welcher Prägung, in der Gewalt gegen Frauen und Kinder so selbstverständlich ist, immer weiter Gewalt und Leid hervorbringen wird. Ein erschreckendes und wichtiges Buch. Unbedingt lesenswert.

Katharina Winkler, „Blauschmuck“, Suhrkamp 2016, 196 S., 18,85€.

 

Die Autorin Katharina Winkler wird auch am 17.03. auf der Leipziger Buchmesse lesen.

Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey (1927)

Wilder Die BrückeEs sind fünf Menschen, die zusammen mit einer alten Inka-Brücke in die Tiefe stürzen: Eine schrullige Alte zusammen mit ihrer jungen Gesellschafterin, ein Lebenskünstler mit einem kleinen Jungen und ein von Trauer über den Tod seines Zwillingsbruders gebeugter Mann. Wer sie waren und warum sie so plötzlich sterben mussten, versucht ein Mönch im Peru des Jahres 1714 heraus zu finden.

Der Mönch, der die Brücke vor seinen Augen abstürzen sieht, ist anfangs voller Hoffnung, in den Lebensgeschichten der Verunglückten ein verbindendes Element zu entdecken. Er sucht dabei nach einem (göttlichen) Sinn, der das Leben und Sterben der Menschen bestimmt und landet dafür, als er ihn nicht finden kann, auf dem Scheiterhaufen.
Ein anderer Aspekt steht dabei ebenso deutlich im Vordergrund: Die Figuren, die auf der Brücke abstürzen, haben erst kurz zuvor beschlossen, ihr Leben zu ändern. Sie alle waren von den Umständen gebeutelt, sahen sich in Trauer, Sehnsucht oder Einsamkeit gefangen. Als sie dann beschließen, etwas daran zu ändern, stürzen sie ab. Über allem liegt ein unabwendbares Schicksal, grausam in seiner Zufälligkeit.

Besonders bemerkenswert ist die ausgefeilte Sprache Wilders, die es auch schafft, Armut und Krankheit in würdevolle Worte zu kleiden. Die Sprache trägt auch dazu bei, dass man als Leser völlig in jede der Geschichten eintauchen kann und zeitweise vergisst, dass die jeweilige Hauptfigur am Ende ihren Tod finden wird. Dieser kommt dann auch jedesmal überraschend. Wie für die Figur selbst.
Als Vorlage für diese Geschichte diente Wilder einaktiges Theaterstück. Vielleicht spielt deshalb das Theater in seiner Erzählung eine so große Rolle. Er lobt die Größen des spanischen Theaters des 18. Jahrhunderts und versucht zu rekonstruieren, wie man in Lima die Autoren aus Madrid aufnahm. Überhaupt bekommt man die nicht allzu häufige Gelegenheit, Spanien aus Perspektive einer seiner Kolonien zu betrachten.

Fazit: „Die Brücke von San Luis Rey“ ist ein geschickt gestricktes Werk mit wunderschöner Sprache und tiefgründigen Gedanken.

Über den Autor: Der amerikanische Autor Thornton Wilder erhielt für „Die Brücke von San Luis Rey“ 1928 den Pulitzer-Preis. Er selbst ist nie in Peru gewesen. [1]

Thornton Wilder „Die Brücke von San Luis Rey“ (OT: The Bridge of San Luis Rey), Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Fischer Taschenbuch 2015 (1927), 176 S.


Eine andere Stimme zum Buch bei Ein Jahrhundert lesen

[1] http://www.twildersociety.org/works/the-bridge-of-san-luis-rey/

 

Jean Hanff Korelitz: Du hättest es wissen können

Korelitz - Du hättest es wissen könnenDie New Yorker High Society Paartherapeutin Grace entscheidet nach etlichen Sitzungen mit unglücklichen Paaren: Da ist meist nichts mehr zu retten, sie passen einfach nicht zueinander und hätten es von Anfang an wissen können.

Jetzt steht sie kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches, in das sie all die Weisheiten der letzten Jahre gesteckt hat und glaubt sich auch dazu berechtigt, einem breiten Publikum Ratschläge zu erteilen: Schließlich läuft bei ihr alles bestens, ein begabter Sohn auf einer renommierten Privatschule, ein liebender Ehemann (pädiatrischer Onkologe – Wer kann so was schon?). Doch als die Mutter eines Mitschülers ihres Sohnes ermordet wird und ihr eigener Mann spurlos verschwindet, tut sich vor ihr ein Abgrund auf und sie muss sich fragen: Hätte ich es wissen können?

Zum Inhalt: Durch den Klappentext schon auf die richtige Spur gesetzt, weiß man als Leser sofort, dass nicht alles so gut bei ihr läuft, wie Protagonistin Grace das noch zu Beginn der Geschichte glaubt. Man hat ihr gegenüber einen Wissensvorsprung, der dazu führt, dass die Geschichte eher langsam anläuft. Zum Ende hin nimmt sie dann aber an Fahrt auf und die während des Lesens gestrickten Knoten lösen sich elegant und erhellend auf.

Zu Beginn noch in New York, lernt man durch Graces Augen die Mitglieder der oberen Gesellschaftsschicht kennen. Obwohl die Protagonistin immer wieder kritische Anmerkungen macht  (etwa zur Praxis, seine Kinder fast vollständig von einsamen, gastarbeitenden Kindermädchen aufziehen zu lassen), merkt man doch, wie sehr sie selbst in den dortigen Strukturen verhaftet ist und wie sehr sie Luxus genießt, den sie aber gar nicht als solchen wahrnimmt (zum Beispiel: die halbe Theke des Feinkostladens auf dem heimischen Küchentisch). Die New Yorker Figuren ist größtenteils klischeehaft gezeichnet, und die Autorin scheint auch davon auszugehen, dass jedem Leser das Bild der typischen „Glamorous Stay at Home Mum“ vor Augen steht, denn nähere Informationen zu den Figuren bekommt man nicht. Es klärt sich nie auf, warum genau die „fürchterliche Sally“ so furchtbar ist und was den alten ungarischen Geigenlehrer so grimmig hat werden lassen; hier hätte man sich ein bisschen mehr Liebe zum Detail gewünscht.

Als Leser weiß man sehr schnell, worum es geht: Die Protagonistin hält ihre Familie und ihr Leben für so wunderbar, dass sie nicht im Traum darauf käme, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Daher wirkt es sehr dick aufgetragen, wenn sie immer wieder ihren so „sensiblen und begabten“ Sohn lobt (und alle anderen Figuren mit einstimmen!) oder von ihrem Mann erzählt, dessen Verhalten sie nicht einmal ansatzweise hinterfragt. Parallel dazu schildert sie nämlich genau dieses Verhalten bei ihren Patienten als Grund dafür, dass ihre Beziehungen scheitern. Ob die Übertreibung hier ein Stilmittel ist, wird nicht recht deutlich, eher wirkt es so, als winke man dem Leser gleich mit einem ganzen Zaun.

Besonders ins Auge springt auch eine andere Unstimmigkeit: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der jüdischen Identität der Protagonistin und dem Gesagten. Die Figur scheint in keiner Weise religiös zu sein oder sich über ihre Familie und Bekannten hinaus mit der jüdischen Community in New York verbunden zu fühlen. Dann aber lässt sie Sätze fallen wie „Das Auto war ein deutsches Modell, nichts, was ein sensibler Jude fahren sollte“ und als Leser reibt man sich ungläubig die Augen, denn dieser Satz steht in so gar keinem Zusammenhang mit ihrem bisherigen Verhalten und wirkt daher auffallend deplatziert.

Fazit: „Du hättest es wissen können“ ist insgesamt unterhaltsam, aber auch vorhersehbar. Die Protagonistin wirkt, obwohl die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt wird, seltsam unnahbar. Das ändert sich erst zum Schluss ein wenig, als sie ihren Schmerz in langen einsamen Tagen in einer eiskalten Hütte zulässt und man als Leser an ihren Gefühlen teilhaben kann. Die Art der Beschreibungen, besonders die streckenweise Detailarmut, lassen mutmaßen, dass sich das Buch gut für eine Verfilmung eignen würde. Ob es, wie bei „Admission“, einem anderem Roman der Autorin, dazu kommt, bleibt abzuwarten.

Jean Hanff Korelitz, „Du hättest es wissen können“ (OT: You should have known), Ullstein Taschenbuch 2016, 480 S., 12,99€.