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Bitterböse Lesung mit Jens Westerbeck

27. März 2015

Gestern Abend lud die Random House Verlagsgruppe zur Buchpräsentation für Jens Westerbecks neuen Roman After-Show-Party ein. Mit dem schicken Club des The Grand nahe Alexanderplatz, landeten die Organisatoren einen Volltreffer, was Ambiente und Berliner Flair betraf. Im kleinen Kreis erzählte Westerbeck humorig Episoden aus seinem abwechslungsreichen Berufsleben als Yacht-Broker, Fernsehmann und BILD-Reporter. Auf sich aufmerksam machte er vor einiger Zeit mit seinem ersten Branchen-Roman „Boatpeople“ über das Leben zwischen Luxus-Yachten.

In After-Show-Party nimmt er die Medienbranche aufs Korn und beleuchtet die Berliner Medienlandschaft aus der Sicht eines heruntergekommenen Klatsch-Reporters, einer ambitionierten Konzern-Erbin und eines britischen Fernsehlieblings, der mit einem Skandal-Video erpresst wird. Themen wie Wahrheit und Lüge, der vermeintliche Niedergang der Printmedien und die dubiosen Methoden der Informationsbeschaffung werden dabei angesprochen und aufs Bissigste kommentiert. Westerbecks Vortrag, seine Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln und seine Kommentare zum Weltgeschehen ließen gewollt Rückschlüsse auf seine Vergangenheit als Gag-Schreiber für Comedians zu – ein Highlight der Lesung war seine treffende Imitation des x-beliebigen Berliner Taxifahrers.

Wer Lust auf direkten, teils auch derben Humor, viele Anspielungen und bissigen Witz hat, dem wird After-Show-Party gefallen. Westerbeck sollte sich überlegen, ob er nach all seinen bisherigen Stationen nicht auch bald ins Hörbuchgeschäft einsteigen will – Talent dafür war bei der Lesung deutlich zu erkennen.

V. Epikur und Zenon oder Pflichtloses Glück und glücklose Pflicht

20. März 2015

Weischedel baut die Ansichten der Epikureer und der Stoiker als Antagonismus auf. Er beginnt mit den Ansichten des Epikur (371–271/70 v.Chr.).

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Die Überlieferung bzgl. Epikurs ist von Widersprüchen geprägt. Zum einen wird er als sehr lustbetonter, der Völlerei fröhnender „Wüstling“ dargestellt, seine Schüler verehren ihn jedoch als selbstgenügsam und milde. Als höchstes Lebensziel deklariert er das Glück. Das Glück sei besonders die Vermeidung von Schmerz und Gewinnen von Lust, unter der er das gute Gespräch, die Kunst, Musik und besonders die Philosophie versteht. Wahres Glück könne nur erreicht werden, wenn sich die Seele „im ruhigen Gleichmaß“ befinde. Daher müsse alles Störende vermieden werden. Das könne am besten gelingen, wenn der Mensch selbstgenügsam und zurückgezogen im Privaten lebe, öffentliche Aufgaben meide. Der Epikureer ist dabei kein Eremit – als höchstes Gut gilt die Freundschaft zu anderen, die Epikur bei Versammlungen in seinem Garten praktizierte.
Als störend erscheint auch die Bedrohlichkeit der Umwelt. Epikur lehnt daher die bedrohlich wirkenden Mythen ab und begreift die Natur im Sinne der Atomlehre Demokrits. Alles sei aus Atomen aufgebaut, wobei auch ein gewisser Zufall eine Rolle spiele. Auf diesen könne der Philosoph keinen Einfluss nehmen, sodass er die Welt ruhigen Gewissens sich selbst überlassen kann. Die Existenz der Götter bestreitet Epikur nicht; er verbannt sie allerdings in eine Zwischenwelt, aus der heraus sie keinen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen können. Auch dem Tod nimmt er seinen Schrecken: Menschen könnten nur empfinden, was für sie Realität hat. Der Tod aber sei nicht zu empfinden, er sei daher ein „Nichts“, vor dem man sich nicht zu fürchten brauche. Das Glück könne durch Philosophieren gewonnen werden – daher ist es nach Epikur nie zu spät, damit anzufangen.

Marmorbüste des Zenon

Zenon von Kition (333/332–262/261 v.Chr.) dagegen lehnt die Lehren Epikurs ab. Er selbst ist der Überlieferung nach durch Zufall zur Philosophie gekommen: Als er mit seinem Handelsschiff Schiffbruch erlitt, wohnte er zeitweise bei einem Buchhändler, der ein philosophisches Buch las. Da beschloss dann auch Zenon, sich der Philosophie zu widmen. Als ernster, zurückhaltender und fast asketischer Mann beschrieben, gab er seinen Unterricht in einer bemalten Säulenhalle – daher stammt der Name der Schule „Stoa“ (Vorhalle). Zenon galt als angesehener und verehrter Bürger Athens, schon zu Lebzeiten erhielt er eine Statue und andere Auszeichnungen. Er versteht die Philosophie als „Kunst der Lebensführung“, deren Ziel es sei, in Übereinstimmung mit sich selber zu leben. Hier taucht dann auch zum ersten Mal der Begriff der Persönlichkeit und Selbstverwirklichung auf: Die Selbstverwirklichung sei nichts Subjektives sondern ein Gesetz, das es erfordere, nach dem zu leben, was die einem  innewohnende Vernunft vorgebe. Diese innere Vernunft steht aber mit der Natur, mit dem großen Ganzen, im Einklang. Die Natur besteht bei den Stoikern nicht aus einer Vielzahl von Atomen, sondern ist etwas Lebendiges und wird mit dem höchsten Gott gleichgesetzt. Weil der Mensch an diesem Göttlichen teilhat, kann er die Vernunft auch in sich selbst erwecken. Auf diesen Gedanken beruft sich später auch der Apostel Paulus in seiner Rede auf dem Areopag (jenem Felsen oder vor dem gleichnamigen Rat in Athen). Der Mensch soll also nicht eine allgemeine, von außen vorgegebene Tugend verwirklichen, sondern das in ihm als Individuum Angelegte. Die Freiheit scheint bei der Befolgung des inneren Gesetzes kurz zu kommen. Nach Zenon ist frei, wer der Vernunft folgt, sich also freiwillig in die letztendlich göttliche Ordnung fügt. Freiheit durch Pflichterfüllung. Um seiner Pflicht nachzukommen, müsse sich der Mensch gerade nicht ins Private zurückziehen, sondern öffentliche Aufgaben übernehmen. Der Mensch sei von Natur aus gesellig, eine allgemeine Menschenliebe solle in ihm wachsen. Dabei solle er sich nicht von Leidenschaften beherrschen lassen, denn diese würden das Gleichgewicht der Seele stören (die Apatheia als Abwesenheit von Affekten). Idealerweise steht der Mensch den Widrigkeiten des Lebens und Schicksalsschlägen unbewegt gegenüber – stoisch eben.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 60–69.

Botho Strauß: Herkunft

15. März 2015

Strauss HerkunftIn „Herkunft“ schildert der nunmehr siebzigjährige Strauß seine Erinnerungen an seine Eltern. Den Großteil seines Büchleins widmet er dem Vater, den er als „aus der Zeit gefallen“, konventionell und dabei auch stur beschreibt. Der Mann, der versucht, das bürgerliche Ideal auch nach der Flucht aus dem Osten und der Enteignung des Besitzes aufrecht zu erhalten, dessen Tagesablauf immer gleich, immer ausgehfertig bekleidet beginnt und doch größtenteils am heimischen Schreibtisch stattfindet. Die tägliche Routine scheint für den jungen Strauß aber nichts Bedrückendes, Enges zu haben, vielmehr macht er in dem ehemaligen international besuchten Kurort Bad Ems seine eigenen Erfahrungen, in seiner Bildung immer wieder angeleitet durch den Vater. Als Leser kommt einem der Gedanke, ob der Vater, wie beschrieben, eigentlich eine traurige Figur ist, ob das Beharren auf Konventionen und strikte Routine ein erfülltes Leben bieten oder bieten können. Strauß hadert – anders als Lothar Struck in der Autofiktion Grindelwald – nie mit seinem Vater; durch seine Beschreibungen zeichnet er auf wenigen Seiten das facettenreiche Bild eines Mannes, den man unweigerlich versucht, sich in der heutigen Zeit in einer lauten und hektischen Stadt vorzustellen.
Der Mutter sind nur ein paar wenige Seiten gewidmet. Sie erscheint als Frau, die unbekümmert nie viel erwartet hat und auch nicht brauchte, um glücklich zu sein. Und die sich im Alter diese Haltung, diesen Charakterzug bewahrt hat.
Ein bisschen Melancholie schwingt mit in Strauß’ Erzählung. Ein wenig antiquiert manchmal die Sprache, die er verwendet. Unweigerlich fragt man sich, wie wohl sein Vater geschrieben, welche Worte er gewählt hätte, er, der auch schriftstellerische Ambitionen hatte. Vielleicht wären sie ähnlich gewesen.

Botho Strauß, Herkunft, Hanser 2014, 96 S., 14,90€.

Vanessa da Mata: Blumentochter

6. März 2015

BlumentochterDie Protagonistin dieses Romans, die junge Adelgiza, lebt gemeinsam mit ihren beiden nur wenig älteren Tanten in einer alten Villa in einer brasilianischen Kleinstadt. Sie schildert ihre Kindheitserinnerungen an den bunten Garten, dessen Blumen an die ganze Stadt verkauft werden und an die Jagd auf die riesigen Ameisen, die gefräßig jedes Rosenblatt zu bedrohen scheinen. Nächte voller Geschichten in den Baumwipfeln gehören genauso dazu wie die Fruchtsaft verschmierten Gesichter nach dem Plündern der Mangobäume. Der Garten scheint alles im Überfluss zu haben. Die anfängliche Vertrautheit mit ihrer fast gleichaltrigen Tante und Spielgefährtin Florinda lässt jedoch nach, je älter Adelgiza wird. Die beiden Tanten scheinen ohne sie erwachsen werden zu wollen, sie fühlt sich ausgeschlossen, auch vom Rest der Stadt gemieden. Ihren Trost findet sie bei der Hausangestellten und in den vielen Liebesbriefen, Nachrichten von geheimen Liebschaften, die sie gemeinsam mit den Blumen ausliefert. Gerade volljährig geworden, packt sie die Lust auf Abenteuer und sie begibt sich, nie aus der Kleinstadt herausgekommen, in das entlegene Stadtviertel Vila Morena, von dem nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Adelgiza findet dort Freunde, die – Prostituierte und Trinker – so gar nicht in ihr bisher auf Wahrung von Sitte und Anstand gerichtetes Leben passen. Doch gerade dort, an diesem verrufenen Ort, erfährt sie, dass es in der verschlafenen Stadt tatsächlich Geheimnisse gibt – und sie im Mittelpunkt steht.

Vanessa da Mata ist in Brasilien vor allem als Sängerin und Songschreiberin bekannt. Das merkt man auch ihrem Roman an. Ihre Orts- und Personenbeschreibungen lesen sich sehr anschaulich, man hat das Gefühl, die schwere, feuchte Luft atmen zu können, selbst inmitten eines üppigen Gartens zu stehen, Blumen und Früchte zu riechen, gar zu schmecken. Mit dem Älterwerden Adelgizas fügen sich diesen Beschreibungen Betrachtungen über Sexualität hinzu. Neben üppigen Bäumen werden nun auch die Körper der Menschen im Umfeld der Protagonistin beschrieben. Ihre Tanten erscheinen anhand ihrer körperlichen Attribute noch anschaulicher; der Körper scheint den Charakter zu bestimmen. So erwachsen die beiden Tanten auch zu sein vorgeben, sie definieren sich, gerade dem Teenageralter entwachsen, hauptsächlich über die Zahl ihrer Verehrer, die Anzüglichkeit der Briefe, die sie erhalten. Adelgiza wird davon bewusst ausgeschlossen und sieht sich mit der alles beherrschenden Doppelmoral versteckter Hemmungslosigkeit auf der einen und der strikten, keuschen Moral der Kirche auf der anderen Seite konfrontiert. Je älter sie wird und je mehr eigene Erfahrungen sie – verbotenerweise – macht, desto mehr rückt Körperlichkeit in den Vordergrund, bis sie schließlich ihre Religion wird.

Da Mata schreibt anschaulich, der Leser taucht völlig ein in die Gerüche und die Hitze der Stadt. Nach einigen Seiten wünscht man sich allerdings eine Pause, wünscht sich, auch selbst einmal die Füße in den kühlen Fluss tauchen zu können. Wenn schließlich die üppigen weiblichen Formen der Tanten geschildert werden, kann man nur schwer umhin, immer wieder kritisch denken, dass da Mata hier von Teenagern schreibt. Unterschwellig, manchmal gar offen, bemerkt sie, dass die Mädchen erst wahrgenommen werden, sobald sie ihre Weiblichkeit kokett einzusetzen wissen. Dass sie sich in einem Sommerkleid nicht mehr in alle Gegenden trauen können und dass jede von ihnen Gegenstand des Stadtklatsches ist. Durch all diese Dinge, die sie die Protagonistin am eigenen Leib erfahren lässt, inszeniert da Mata gekonnt die Doppelmoral der Kleinstädter, die kaum einen Kirchgang auslassen, dabei aber gekonnt verschiedene Liebschaften unterhalten. Als Leser hätte man sich die Ausführlichkeit des Anfanges auch am Ende gewünscht. Allzu schnell lüftet sich das Geheimnis um Adelgiza – und das nicht etwa kunstvoll, sondern in einem Schwung durch einen Betrunkenen erzählt. Jener Teil, in dem sie in die Vergangenheit der Kleinstadt eindringt, erscheint nach dem üppigen Anfang nur allzu dürftig. Die Mischung von Realität und Fiktion ist interessant, gelingt aber nicht völlig. Einige Zufälle erscheinen einfach zu passend, einige Details zu unglaubwürdig, so etwa die Aussage, dass Adelgiza ihren Garten zwar jeden Tag besucht, ihn aber noch nie ganz erkundet hat.

Fazit: „Blumentochter“ besticht durch die anschaulichen Beschreibungen einer brasilianischen Kleinstadt und ihrer Einwohner. Die Schwächen der Geschichte können diese aber nicht ausgleichen.

Vanessa da Mata, Blumentochter, List 2015, 304 S., 18,00€.

Christian Deckenbrock, Clemens Höpfner: Bürgerliches Vermögensrecht

11. Januar 2015

VermögensrechtDas Werk „Bürgerliches Vermögensrecht – Grundlagen des Wirtschaftsprivatrechts“ ermöglicht einen prägnanten Überblick über das Vertragsrecht. Der Aufbau orientiert sich klar am juristischen Einsteiger. So werden in den ersten Kapiteln die Grundlagen des Rechts, seine Grundbegriffe und (für das Zivilrecht) relevanten Prinzipien vorgestellt. Es folgt eine Einführung in den Aufbau von Verträgen, Wirksamkeit von Willenserklärungen und Geschäftsfähigkeit, um dann ins Allgemeine Schuldrecht überzugehen. Dieser umfangreiche Teil beschäftigt sich mit Schadensersatzansprüchen in und außerhalb des Vertragsverhältnisses, AGB und Eigentumsübertragung.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel ist durch sein Schriftbild und die Untergliederung des Inhalts sehr übersichtlich gestaltet. Neben großen, abgesetzten Überschriften finden sich im Haupttext wichtige Begriffe kursiv gesetzt. Hilfreiche Beispiele zur Verdeutlichung sind eingeschoben. In abgesetzten Kästen finden sich Auszüge aus relevanten BHG-Urteilen. Die erklärenden Haupttexte sind kurz und prägnant gehalten; Fußnoten zur Quellenangabe sind nicht vorhanden. Nach der Lektüre anderer juristischer Lehrbücher dürfte dies ungewohnt sein und die Benutzung des Werkes zur Verfassung einer Hausarbeit erschweren. Auch juristische Definitionen, für den Studierenden der ersten Semester essentiell, sind zwar im Fließtext vorhanden, müssen aber aus Übersichtlichkeitsgründen eigenhändig markiert werden. Gut ist der teils umfangreiche Katalog von Kontrollfragen am Ende des jeweiligen Kapitels.

Das Werk eignet sich für Studierende der Rechtswissenschaften im 1./2. Semester, die sich stofflich am Ende des Allgemeinen Teils/Anfang des Allgemeinen Schuldrechts befinden. Für andere Studierende eignet sich die klar verständliche Darstellung ohne dezidierte Darstellung juristischer Streitstände ebenfalls als gewinnbringende Lektüre. Deckenbrock und Höpfner können mit ihrem Werk einen guten Überblick über die wichtigsten Bereiche bieten und in verständlicher Sprache die Grundlagen vermitteln.

Christian Deckenbrock, Clemens Höpfner „Bürgerliches Vermögensrecht – Grundlagen des Wirtschaftsprivatrechts“, Nomos UTB 2012, 348S., 19,99€.

Tipp: Stephan Hobe – Einführung in das Völkerrecht

20. August 2014

HobeZugegebenermaßen habe ich (bisher) nicht das ganze Werk gelesen. Lediglich die Kapitel über Krieg und Frieden und die Möglichkeiten internationaler Interventionen bzw. Ausnahmen vom Gewaltverbot habe ich mir unter das Kopfkissen gelegt. Doch anhand dieser beiden Kapitel spreche ich meine Empfehlung für Hobes „Einführung in das Völkerrecht“ aus. Sowohl für Politikwissenschaftler als auch für Juristen geschrieben, bedient sich Hobe einer verständlichen Sprache und bereitet die verschiedenen Themenbereiche des Völkerrechts anschaulich auf. So finden sich wichtige Begriffe kursiv gedruckt, Definitionen und Zitate abgesetzt und immer wieder Verweise auf Grundprinzipien und Beispiele aus der Historie. Auch privat eine lesbare und (aus WissensjägerInnen-Sicht) gewinnbringende Lektüre.

Stephan Hobe „Einführung in das Völkerrecht“, 704 S., UTB, 10. Auflage erscheint am 17.09.2014, ca. 30€.

Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

4. August 2014

 

Dürrenmatt- Der BesuchNach einigen Jahren wieder zur Hand genommen, war „Der Besuch der alten Dame“ auch beim nochmaligen Lesen unterhaltsam und ließ – wohl entgegen der Intention Dürrenmatts – nach einer Übersättigung mit dem derzeitigen Dystopien-Geschäft in Film und Fernsehen, nicht einmal ein leises Unbehagen zurück.

Das kleine Dorf Güllen erwartet, von Arbeitslosigkeit und Armut gebeutelt, hoffnungsvoll die Ankunft der Öl-Milliardärin Claire Zachanassian (ein Wortspiel, die Namen Zacharoff, Onassis, Gulbenkian). Die alte Dame reist mit ihrem siebten Gatten an und verspricht dem Dorf ihrer Jugend tatsächlich eine Spende von einer Milliarde – sofern sich jemand bereit erkläre, ihren damaligen Jugendfreund, den bis dato „beliebtesten Einwohner“ und Bürgermeisteranwärter Ill zu töten. Dieser hatte sechzig Jahre zuvor seine Vaterschaft an ihrem gemeinsamen Kind abgestritten und die hochschwangere Frau mit Schimpf und Schande davon gejagt. Nachdem sie in einem Bordell von einem armenischen Oligarchen entdeckt worden war, ging es bergauf mit ihr, doch verwunden hat sie Ills Betrug nie und fordert nun „Gerechtigkeit“. Die Güllener zeigen sich zuerst empört von dem unmoralischen, gar abscheulichen Angebot und bekennen sich zu Ill, dem Kaufmann aus ihrer Mitte. Doch nach und nach erliegen sie der Versuchung des Geldes, tätigen größere Investitionen, immer in dem Glauben, dass einer von ihnen Ill töten wird. Dessen Furcht wächst.

Eine Tragikomödie mit heiter-traurigen Wortwechseln und nachvollziehbarer Moral, die sich in jedem Dorf abspielen könnte, daher kaum Namen, nur Amtsbezeichnungen. Ein guter Einstieg, wenn man mit dem Lesen von Theaterstücken bisher wenig anfangen konnte, da die Dialoge hier kaum abgehackt und gestelzt sind, sondern sich sehr flüssig lesen lassen. Dazu humorvolle und kluge Regieanweisungen, die den Leser zusätzlich unterhalten.

Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie, Diogenes 1998, 155 S., 7,90€.

 

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